Bilddatenbanksysteme
am Beispiel eines Projekts am Institut für Klassische Archäologie

(Ausgabe 97/2, Juni 1997)

 

Viele Gebiete der Wissenschaft verfügen über große Bestände an Fotos, Dias und anderen Bildmaterialien. Die Betreuung dieser Archive ist meist recht aufwendig. Etliche Institute haben daher schon den Einsatz von entsprechenden Datenbanksystemen erwogen. Die wichtigsten Vorteile derartiger Lösungen sind:

  • Das Bildmaterial, bei dem es sich in vielen Fällen um wertvolle, unersetzbare Originale handelt, wird geschont: Sind die Bilder einmal digitalisiert, so ist ein Rückgriff auf die gefährdeten Originale kaum mehr nötig.
  • Ein Bilddatenbanksystem bietet komfortablere Suchmöglichkeiten - auch über das Datennetz - innerhalb des Archivs.
  • Verwaltung und Organisation können besser abgewickelt werden.
  • Selbst wenn das Original verliehen ist, kann noch immer auf sein elektronisches Abbild in der Datenbank zugegriffen werden.

Trotz der Möglichkeit, die ein Bilddatenbanksystem bietet, scheuen noch viele Institute und Einrichtungen vor dem Einsatz eines solchen zurück. Oft mit gutem Grund, denn der Übergang auf ein EDV-gestütztes Archiv und der Betrieb einer Bilddatenbank sind nicht ganz einfach und erfordern einiges an technischen Kenntnissen und Einsatzbereitschaft von den Betreibern. Nur sehr wenige Institute haben bisher den Schritt gewagt, derartige Systeme tatsächlich im Produktionsbetrieb einzusetzen. Eines davon ist das Institut für Klassische Archäologie der Universität Wien, an dem eine engagierte Mannschaft seit 1995 die Umstellung des Bildarchivs betreibt. Dieser Artikel versucht die wichtigsten Erfahrungen dieses inzwischen vielbeachteten Projektes zusammenzufassen. Wir bedanken uns bei den Mitarbeitern des Instituts für Klassische Archäologie, die uns eine Fülle an Material zur Verfügung stellten und uns mit großem Einsatz unterstützten.

Das Projekt an der Klassischen Archäologie

Der Archivbestand des Instituts für Klassische Archäologie wird auf ca. 90 000 Bilder geschätzt; etwa die Hälfte davon muß als historisch wertvolles Material eingestuft werden. Der größte Teil der Bilder stammt aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert und liegt in Form fragiler Glasnegative oder alter Originalvergrößerungen vor. Das aktuelle Bildmaterial der Grabungen sowie Reproduktionen aus Büchern oder Fremdarchiven sind hauptsächlich auf Diafilmen vorhanden. Die Bilder werden intensiv in Lehre und Forschung genutzt, was einen umfangreichen Bildverleihbetrieb zur Folge hat.

1993/94 wurden Pläne für eine digitale Bilddatenbank ins Auge gefaßt. Eine Projektgruppe, geleitet von ihrem Initiator Prof. Dr. Fritz Krinzinger, untersuchte im In- und Ausland vergleichbare Datenbanken, die in verwandten Wissenschaftsbereichen eingesetzt werden. Es stellte sich jedoch bald heraus, daß kaum Lösungen existierten, die als Vorbild dienen konnten, sodaß das Institut wohl oder übel ein schönes Stück Pionierarbeit zu leisten hatte. Zahlreiche Softwarefirmen wurden eingeladen, die Möglichkeiten ihrer Produkte zu demonstrieren. Hier zeigte sich, daß die Programme große Unterschiede in der Leistungsfähigkeit und hinsichtlich der Anwendungsschwerpunkte aufwiesen. Aber auch wenn kein schlüsselfertiges Programm gefunden werden konnte, gab es mit dem Softwarepaket ImageFinder PRO einen klaren Bestbieter.

Dieses Datenbanksystem wurde von der renommierten Züricher Firma Docuphot AG (jetzt ImageFinder Systems AG) ursprünglich für den Einsatz in Bildagenturen entwickelt. Obwohl das Softwarepaket zu diesem Zeitpunkt nicht das gesamte Anforderungsprofil abdecken konnte, überzeugte es durch seine ausgereifte Technik in den meisten vorhandenen Funktionen, die sich von der Bilddigitalisierung bis hin zur Datensicherung erstrecken. Um das Programm um die fehlenden Funktionen zu ergänzen, wurde mit der Firma Docuphot AG die Adaption und Erweiterung des Softwarepaketes vereinbart. So entstand in enger Zusammenarbeit mit dem Institut für Klassische Archäologie der ImageFinder Cultura, eine Variante des Bilddatenbanksystems, die für kulturwissenschaftliche Anwendungsgebiete gedacht ist.

Hauptmaske des ImageFinder Cultura

Die Software ImageFinder wurde auf Basis des Datenbankprogrammes 4th Dimension von ACI entwickelt und kann entweder als Einzelplatzversion für PC und Macintosh oder in gemischten Netzwerken eingesetzt werden. Als Server kommen PCs unter Windows NT oder Macs zum Einsatz. Die Klienten können ebenfalls auf PCs (unter Windows 95 oder Windows NT) und Macs laufen.

Bilderfassung und Bildbearbeitung

Es gibt eine Reihe von technischen Möglichkeiten, Bilder zu digitalisieren (z.B. Scanner). Für die Anforderungen des Instituts für Klassische Archäologie erwies sich der Einsatz einer hochauflösenden digitalen Kamera als beste Lösung. Die verwendete Kamera vom Typ Kontron ProgRes 3012 kann Durchlichtvorlagen wie Negative, Dias und Glasplatten (Kleinbild bis ca. 24 x 30 cm), Fotografien und Karten (bis ca. 30 x 40 cm) digitalisieren. Dabei ist es nicht erforderlich, die Dias aus dem Rahmen zu nehmen. Die Kamera ist auch für kleinere dreidimensionale Objekte (z.B. Münzen, Gemmen, Kleinfunde) geeignet. Der reine Digitalisierungsvorgang dauert je nach gewählter Auflösung und der Auflösung zwischen 10 und 30 Sekunden. Zuvor muß die Kamera jedoch entsprechend justiert werden, wobei die Einstellungen meist für alle Bilder eines Filmes beibehalten werden können.

Die derzeit digitalisierten Bilder besitzen eine Auflösung von maximal 3480 bis 4490 Pixel. Die Farbtiefe beträgt 12 bit pro Farbe. Zur Digitalisierung wird die bereits erwähnte ProgRes 3012 Kamera in Kombination mit Adobe Photoshop verwendet. In vielen Fällen erweist es sich als notwendig, das digitalisierte Bild nachzubearbeiten. Zu diesem Zweck wird das Bildbearbeitungsprogramm Adobe Photoshop verwendet. Die Bildbearbeitung dauert meist zwischen drei bis fünf Minuten, kann aber in schwierigen Fällen auch deutlich mehr Zeit erfordern. Natürlich können auch Bilder, die bereits digital vorliegen (z.B. auf einer Foto-CD) in die Datenbank importiert werden. Auf jeden Fall sollte die Bilderfassung und -bearbeitung von einer Fachkraft vorgenommen werden, da nicht nur technisches Verständnis und ein professioneller Umgang mit dem Programm vonnöten sind, sondern auch ein beachtliches Wissen auf dem Gebiet der Nachbearbeitung. Dabei sind sowohl grafische und fotografische Kenntnisse als auch der gekonnte Umgang mit der eingesetzten Software erforderlich.

Die Datenbank...

Sobald die Bilder in die Datenbank aufgenommen sind, können die dazugehörigen Daten eingegeben werden - und wenn man alle Vorteile einer Bilddatenbank ausnützen will, sind das meist mehr, als man auf den ersten Blick annimmt. Da sind zunächst die Verwaltungsdaten, welche u.a. Informationen über Bildnummer, Aufnahmedatum, Fotograf, Bildtyp, Filmmaterial, Verfügbarkeit, Zugriffsrechte, Publikationseinschränkungen sowie den Dateinamen des digitalen Bildes in voller Auflösung umfassen. Schwieriger wird es bei der wissenschaftlichen Erfassung des Bildes. Diese enthält neben einigen grundlegenden wissenschaftlichen Informationen wie Bildtitel, Datierung und Künstler die zum Bild gehörenden Schlagworte. Um eine einheitliche Verschlagwortung sicherzustellen, müssen die gewählten Begriffe aus einem Schlagwortverzeichnis (Thesaurus) entnommen werden. Das Institut für Klassische Archäologie verwendet derzeit acht Thesauri. Diese enthalten klar strukturierte, durch Ober- und Unterbegriffe hierarchisch gegliederte Informationen zu den Bereichen Aufbewahrungsort, Fundort/Topographie, Kultur/Epoche, Objektgruppe, Material, Technik und Ikonographie. In jedem Themenbereich stehen zur Zeit bis zu acht Hierarchiestufen zur Verfügung.

Für die Erstellung der derzeit in der Datenbank verfügbaren Thesauri (die Entwicklung dieser Thesauri ist noch nicht abgeschlossen) wurden von der Projektgruppe verschiedene Grundlagen herangezogen, miteinander verknüpft und weiterentwickelt. Dazu zählen vor allem die unterschiedlichsten Nachschlagewerke. Der achte Thesaurus enthält eine alphabetische parallele Schlagwortliste; damit kann der Bildinhalt zusätzlich aufgeschlüsselt werden. Neben den Schlagworten ist es auch möglich, freie Texte einzugeben, um auch umfangreicheres Material mit weniger konkreten Angaben speichern zu können.

Beispiel aus dem Ikonographie-Thesaurus: Für den Begriff "Gestalten" werden die folgenden Schlagworte in den obigen Hierachiestufen angeboten.

...und ihre Anwendung

Die unterschiedlichen Suchbegriffe (Schlagworte, freie Texte und einfache Datenfelder) können bei der Abfrage beliebig verknüpft werden. Der Benutzer muß die diversen hierarchischen Ordnungen, unter denen das jeweilige Schlagwort eingeordnet ist, nicht kennen. Das recherchierte Ergebnis kann anschließend auf ein elektronisches Leuchtpult gelegt werden. Wie an einem herkömmlichen Leuchttisch hat der Benutzer die Möglichkeit, die Bilder visuell zu beurteilen, zu vergrößern, zu verschieben und in die gewünschte Reihenfolge zu bringen.

Die Arbeitsgruppe am Institut steht in enger Verbindung mit der Firma ImageFinder Systems AG: Einerseits wird die Möglichkeit geschaffen, die Thesauri untereinander verknüpfbar zu machen, andererseits muß die Synonymverwaltung verbessert werden. Hier wird also noch eine Weiterentwicklung stattfinden.

Das Programm bietet aber schon jetzt einige nützliche Erweiterungen wie Abwicklung des Entlehnbetriebes, Planung von Ausstellungen und Angaben über die Nutzung. Weitere Ergänzungen sind vorgesehen.

Das Bilddatenbanksystem in der Praxis

Bis zur Anschaffung der Netzwerkversion im Dezember '96 hatte das Institut für Klassische Archäologie für dieses Projekt nur einen Macintosh zur Verfügung, der meist zur Digitalisierung verwendet wurde (ca. 8000 Bilder bisher). Daher ist die Anzahl der textlich erfaßten Bilder noch nicht sehr hoch: Derzeit sind ca. 300 Bilder umfangreich und ca. 2000 Bilder mit den wichtigsten Informationen verschlagwortet. Insgesamt ist - wie bereits erwähnt - ein Datenbestand von ca. 90 000 Bildern zu bearbeiten. Intern hat sich das Institut auf folgende Gangart geeinigt: Zunächst erfolgt eine Erfassung der Grunddaten, die sehr schnell vor sich gehen kann, da das Institut zu den meisten Dias Karteikarten mit den wichtigsten Informationen besitzt. Als Grunddaten gelten: Inventarnummer, Datierung, Kurzzitat (Literatur), teilweise auch Beschreibung. Eine detaillierte Erfassung wird zu einem späteren Zeitpunkt themenbezogen an Personen vergeben, die sich dann mit der gesamten Literatur z.B. einer Objektgruppe befassen. Der Vorteil dieser Vorgehensweise ist, daß die Detailerfassung sukzessive erfolgen kann, die Objekte jedoch durch die rasche Grunddaten-Erfassung bereits zugänglich und recherchierbar sind.

In der Datenbank sind die Bilddaten lediglich in Monitor- und Layoutqualität enthalten, wobei ein Datensatz - bestehend aus Textinformation und Bild - 120 bis 150 KB Speicherplatz benötigt. Die hochaufgelösten, unkomprimierten Feindaten werden als Sicherung und für eventuelle spätere Produktionszwecke auf kostengünstige Speichermedien (DLT-Bänder mit einem Fassungsvermögen von 20 GB) ausgelagert.

Als Hardware für den Bilderfassungsplatz kommt ein PowerMac 9500 mit 148 MB Hauptspeicher und 18 GB Plattenplatz zum Einsatz. Die eigentliche Datenbank liegt auf einem Windows NT-Server und ist auf 8 Windows NT-Klienten abrufbar. Durch eine ?Floating License? ist derzeit ein gleichzeitiger Zugriff für fünf Clients möglich. Eine Erhöhung kann durch Zukauf von weiteren Lizenzen erfolgen.

Eine Komplettsicherung der gesamten Daten am Server (2 GB) dauert im Schnitt eine Stunde. Das Institut macht einmal wöchentlich eine Komplettsicherung und darüber hinaus (im Idealfall) täglich eine Differenzsicherung.

Elektronisches Leuchtpult zur Bildeditierung im ImageFinder Cultura


Zukunftsperspektiven

Die Entlehnung der Dias für den Lehrbetrieb wird über die Datenbank laufen, sobald ein repräsentativer Bestand eingearbeitet ist. Die Dias werden für diesen Zweck mit Barcode-Etiketten versehen. Sobald ein Bild als entlehnt abgebucht ist, ist dies in der jeweiligen Hauptmaske zum Bild ersichtlich. Die Benutzer haben also sofort eine Information, welche Bilder momentan verfügbar sind. Auch der Bildrücklauf wird vom System durchgeführt.

Auf die Datenbank soll auch über Internet zugegriffen werden können. An der Entwicklung einer Internet-Version für ImageFinder wird derzeit in Zürich gearbeitet. Sobald diese für die Hauptversion von ImageFinder verfügbar ist, wird sie auch in die Version Cultura integriert werden. Darüber hinaus ist mittelfristig geplant, auch die Projektion in den Hörsälen direkt aus dem Bilddatenbanksystem zu ermöglichen, was eine enorme Zeit- und Kostenersparnis bedeutet.

Kontakt

Adresse:

Institut für Klassische Archäologie
der Universität Wien
Projektgruppe Bilddatenbank
Franz Klein-Gasse 1
1190 Wien
Tel.: 31352-251 (in Bälde: 36052-251)
Fax: 3193684
eMail: KLASS-ARCHAEOLOGIE@UNIVIE.AC.AT

Ansprechpartner:

Barbara Kopf
(DW 242, eMail: BARBARA.KOPF@UNIVIE.AC.AT)
Mag. Hubert D. Szemethy
(DW 250, eMail: HUBERT.SZEMETHY@UNIVIE.AC.AT)

Literatur:

Barbara Kopf - Hubert D. Szemethy, Zum Bilddatenbanksystem 'ImageFinder Cultura' am Institut für Klassische Archäologie der Universität Wien, in: Fakten, Daten, Zitate 15, H. 3-4, 1995, 1-10.