Novell NetWare und Windows NT
Zwei Netzwerkbetriebssysteme im Vergleich

von Aron Vrtala (Ausgabe 97/1, Jänner 1997)

 

Novell und Microsoft sind mit ihren Betriebssystemen NetWare und Windows NT ausgezogen, um unter dem Slogan "Netzwerkbetriebssysteme" die Welt und die damit verbundenen Marktanteile zu erobern. Bei der Lektüre diverser Publikationen entsteht das Gefühl, daß hier beide Firmen - mit zum Teil widersprüchlichen Informationen - sich im Kampf um Kunden gegenseitig nichts schuldig bleiben. Peinlich daran ist nur, daß beide Firmen nicht davor zurückschrecken, mit unterschwelligen oder offensichtlich tendenziösen Behauptungen Kunden für sich einzunehmen, die - wie üblich mit ihrer Entscheidung alleine gelassen - bar jeder Möglichkeit sind, im voraus eine vernünftige Wahl zu treffen.

Vor diesem Hintergrund entschloß sich das EDV-Zentrum, die beiden Betriebssysteme auf einer Reihe von Servern intensiv zu testen und so zu Entscheidungskriterien für den Einsatz von NetWare oder Windows NT in bestehenden oder neuen Bereichen zu kommen. Die Ergebnisse erschienen ausführlich in einem Artikel [1], der die Zusammenfassung eines im Mai 1996 gehaltenen Vortrags ist und hier auszugsweise wiedergegeben wird.

Designkriterien

Beide Betriebssysteme sind sogenannte Netzwerkbetriebssysteme, d.h. sie erlauben die Integration von PCs und anderen Workstations via Netzwerk. Während Novell sich mit seinem Produkt NetWare vornehmlich auf das Anbieten von Netzwerkdiensten wie z.B. gemeinsam benutzten Festplatten (remote fileservice) oder Druckern konzentriert, bietet Windows NT außerdem noch eine grafische Benutzeroberfläche, die den Ablauf von Windows-Anwendungen gestattet. Windows NT hat zum Unterschied von NetWare ein preemptives Multitasking, das heißt, daß der Betriebssystemkern Ressourcen zwischen mehreren Anwendungen einteilt, ohne daß die Anwendungen selbst auf den Vorgang Einfluß nehmen können. Die Reihenfolge zwischen Anwendungen wird nur durch Prioritäten geregelt - insgesamt ähnelt diese Vorgangsweise der von Unix- Betriebssystemen.

Im Systemdesign unterscheiden sich beide Produkte jedoch wesentlich. NetWare ist für Rechner der PC-Architektur konzipiert und optimiert. Windows NT hingegen wurde völlig hardwareunabhängig entworfen. Windows NT läuft z.B. auf Rechnern der Klassen PC mit INTEL-Architektur, Digital Alpha, MIPS R4000, PowerPC. Der Preis für die Hardwareunabhängigkeit ist aber eine geringere Performance, da das Betriebssystem nicht gleichzeitig für die jeweiligen Rechnertypen optimiert werden kann.

NetWare und Windows NT haben gute Sicherheitseigenschaften, die sich aber in Philosophie und Organisation ein wenig unterscheiden. So kennt Windows NT für DOS-Filesysteme (Aufbau des Dateisystems wie unter DOS) weniger Sicherheitsmechanismen (gegen Zugriff durch Dritte oder Crash des Systems) als NetWare, welches sein eigenes transaktionsorientiertes Filesystem zugrunde legt.

Beide Systeme sind modular aufgebaut und unterstützen die parallele Verarbeitung von Programmsträngen, wenn mehrere CPUs eingebaut sind.

Benchmarks

Neben einem Vergleich des Aufbaus und der Möglichkeiten beider Betriebssysteme wollten wir einen Performancetest durchführen. Zusätzlich zum Durchsatz sollte aber auch untersucht werden, welche Unterschiede zwischen verschiedenen Rechnerherstellern zu erwarten sind. Daher wurden folgende Server getestet:

  • COMPAQ Proliant 1500 mit 64 MB Memory und zwei Pentium CPUs mit 133 MHz
  • DEC AlphaStation 600 5/266 mit 264 MB Memory und 266 MHz
  • DEC Prioris HX 5133 mit 64 MB Memory und Pentium CPU mit 133 MHz
  • DELL Optiplex 5133 mit 64 MB Memory und zwei Pentium CPUs mit 133 MHz
  • HP Netserver 5 / 100 LS-II mit 64 MB Memory, zwei Pentium CPUs mit 100 MHz und RAID-Disk

Es wurden zwei Arten von Tests durchgeführt, ein Datenbankperformancetest (ServerBench 2.0 [2]) und ein Filesystemservice (NetBench 4.0 [3]), auf die aus Platzgründen hier nicht näher eingegangen wird. Als Klienten sahen wir sechs relativ starke PCs gleicher Bauart vor und versuchten, Informationen aus der Messung einer möglichst reproduzierbaren gleichwertigen Belastungszunahme pro Klient zu gewinnen. Diese Vorgangsweise gestattete eine möglichst einfache Interpretation. Zwischen Server und Klienten befand sich ein 10 Mbit/s-Ethernet-Netzwerk. Betriebssystemversionen waren Windows NT 3.51 und NetWare 4.1. Für den Datenbankperformancetest wurde das Netzwerkprotokoll TCP/IP verwendet.

Aufgrund der Konstruktion der Tests wurden verschiedene Eigenschaften der Serverrechner und des Netzwerks angesprochen. Außerdem wurden durch sogenannte Streßtests die Komponenten überdurchschnittlich stark gefordert, damit Schwächen früher zu Tage treten.

Da ServerBench eine verteilte Datenbank - wie z.B. Oracle - simuliert, wurde für diesen synthetischen Test der Durchsatzwert in Transaktionen/Sek. (TPS) angegeben.

Ergebnisse

Unter Windows NT mit einem Prozessor und 64 MB Memory (die DEC Alpha hat 264 MB und ist daher nicht völlig vergleichbar) hatten wir keine starken Änderungen der TPS-Zahlen: Die Werte für 6 Klienten liegen bei 50500 für die DEC Alpha, 35700 DEC PC, 33200 DELL PC, 36400 HP PC, und mit 40900 schnitt der Compaq PC sehr gut ab. Unter NetWare ergaben sich für die PCs folgende Werte: 39300 DEC PC, 38600 DELL PC, 37100 HP PC und 45400 für den Compaq PC. Auch hier ist der Compaq wieder der schnellste PC. Generell sieht man aber, daß NetWare rascher als Windows NT arbeitet.

Werden in einem Rechner hingegen zwei CPUs eingesetzt, dann ändert sich das Bild. Während ein Klient nicht wesentlich höhere Durchsätze erreicht, gibt es für mehr als einen Klienten eine Leistungssteigerung, die je nach Hardware verschieden stark ist und verschieden lang anhält. Unter NetWare wurde ein generischer Treiber verwendet, um die Programmstränge parallel ablaufen zu lassen. Dieses Modul funktioniert jedoch nur für den Compaq PC. Bei den anderen Maschinen erzeugt es starke Schwingungen. Hier holt Windows NT eindeutig mehr Leistung aus dem Rechner.

Äußerst interessant ist das Ergebnis des ServerBench für den Compaq PC, bei dem wir die Tests sowohl bei 32 MB Memory als auch bei 64 MB durchführten. Der Test (er wurde nur mit Windows NT und NetWare gemacht) zeigt deutlich, wie sehr Performance von der Verfügbarkeit von Memory abhängt. Die Abbildung zeigt die Unterschiede zwischen Windows NT und NetWare an einem single Processorsystem (SP) und nur für Windows NT auch mit zwei Prozessoren (DP).

Mit 15% Unterschied liegt NetWare deutlich vor Windows NT in einem Einprozessorsystem. Insgesamt verbessert sich unter NetWare die Performance um 25%. Am stärksten tritt der Gewinn, es sind hier unter Windows NT knapp 50%, bei zwei CPUs hervor.

Empfehlungen

Windows NT ist im allgemeinen leicht bedienbar und hat eine grafische Oberfläche, es benötigt zum Arbeiten vergleichsweise wenig Konzeptwissen. Es hat hervorragende Eigenschaften als Applikationsserver und gute Eigenschaften als Filesystemserver. Windows NT hat unserer Ansicht nach ausreichende Leistungseigenschaften für kleine bis mittelgroße Anforderungen und ist daher günstig für kleine Gruppen und lokale Bereiche bzw. Abteilungen oder Institute, die ein System suchen, welches rasch installiert ist.

NetWare ist zwar auch leicht bedienbar, benötigt aber mehr Konzeptwissen, um effizient bedient zu werden. Es hat günstige Leistungsmerkmale für größere Anwendungen (Disk-IO läuft gleichmäßiger), eignet sich hervorragend für Filesystemdienste und gut für Applikationsdienste. Der Einsatz von NetWare erscheint uns für größere Aufgaben, große PC-Labors und große Institute vernünftig.

Wir empfehlen generell keine Migration von NetWare zu Windows NT oder umgekehrt. Sollte dies notwendig sein, ist sie unbedingt vorher getrennt auszuprobieren. Unser genereller Eindruck ist, daß beide Systeme ihren Aufgaben weitgehend gerecht werden (ein perfektes System gibt es nicht).

Literatur

[1] http://www.pap.univie.ac.at/docserv/ntvsnw.html

[2] Understanding and Using ServerBench 2.0, Ziff-Davis Publishing Company, Manual Release March 1995.

[3] Understanding and Using NetBench 4.0, Ziff-Davis Publishing Company, Manual Release Sept. 1995.