Internet für alle, Teil II

von Ewald Jenisch (Ausgabe 95/3, September 1995)

 

"Wieso gibt's an der Uni Wien kein Internet für Studenten? An den anderen Unis gibt's das auch!" Solche und ähnliche Aussagen bekam man in den letzten Monaten immer öfter zu hören. Nun dauern zwar an der Universität Wien (bedingt durch ihre Größe) manche Dinge etwas länger, doch bald ist es auch hier soweit - am Internet-Zugang für alle Studierenden der Uni Wien wird intensiv gearbeitet.

Was bisher geschah ...

Internet-Zugang ist an der Uni Wien kein neues Thema. Genaugenommen gibt es ihn sogar schon seit 1990, aber eben nicht - wie jetzt gefordert - im großen Maßstab, sondern erst nach Bewältigung einiger Hürden: Man muß ein entsprechendes Ansuchen ausfüllen und von seinem Institut bestätigen lassen. Mit dieser neuerworbenen Benutzungsberechtigung für ein Rechnersystem des EDV-Zentrums (PC-Raum oder VM-Rechenanlage) verfügt man auch über einen Internet-Zugang und braucht "nur" noch einen Platz an einem PC oder Terminal bzw. eine freie Wählleitung, um eMail und andere Netzdienste nutzen zu können. Als Benutzer der VM-Rechenanlage muß man zudem auf leicht zu bedienende, graphische Netzwerkklienten sowie auf das beliebte WWW verzichten.

... und wie's weitergeht

Benötigt wird nun aber ein Internet-Zugang auf breiter Basis - auch für technisch nicht versierte oder gar computerscheue Personen. Darüber diskutiert wird bereits seit geraumer Zeit; die Realisierung scheiterte bis dato jedoch an einer Reihe von technischen und organisatorischen Hürden. Dabei sind die technischen Voraussetzungen - das Beschaffen und Betreiben der nötigen Hard- und Software - noch verhältnismäßig einfach zu verwirklichen. Weitaus schwieriger zu bewältigen ist beispielsweise die Betreuung der neuen Benutzer: Geht man davon aus, daß von den etwa 70000 an der Uni Wien inskribierten Studenten nur ein Zehntel den Internet-Zugang in Anspruch nehmen will, so bedeutet das die Schulung und Beratung von rund 7000 Personen! Dies beginnt bei grundlegenden Dingen wie "Was ist denn das Internet, was kann ich damit tun?" und geht weiter über die Beratung beim Ankauf und der Inbetriebnahme von Hard- und Software (Modem, Programme, ...) bis hin zu Detailfragen wie etwa dem Auffinden von fachspezifischen Informationen im Netzwerk.

Angesichts dieser Größenordnungen sah und sieht sich das EDV-Zentrum außerstande, einen Internet-Zugang für alle Studierenden der Uni Wien im Alleingang zu verwirklichen. Mittlerweile konnten aber mit der ÖH und der Firma Comp Delphin (WUV) zwei Partner gefunden werden, mit denen das Projekt in Angriff genommen wurde. Wenn keine unerwarteten Schwierigkeiten auftreten, steht allen Studenten ab dem Sommersemester 1996 ein voller Internet-Zugang zur Verfügung, der u.a. folgende Services umfassen soll:

Jeder Student, der den Internet-Zugang in Anspruch nehmen will, erhält eine Benutzungsberechtigung für den sogenannten "Studentenserver" (ein neuer, für diese Aufgabe dedizierter Rechner) sowie eine weltweit eindeutige eMail-Adresse. Die Nachrichten können entweder - mittels Zugang über Terminalemulation - direkt am Server bearbeitet oder mittels POP-Protokoll auf andere Rechner transferiert (z.B. auf den PC zuhause; siehe unten) und dort bearbeitet werden. Der Zugriff auf den Studentenserver soll aus dem gesamten Internet möglich sein, damit z.B. auch Studierende, die sich im Rahmen ihres Studiums im Ausland aufhalten, ihre Nachrichten "daheim" bearbeiten können. Sofern man an einem Institut Zugang zu einem Rechner hat, der an das Datennetz der Uni angeschlossen ist, kann man natürlich auch von dort auf den Studentenserver zugreifen.

Um den Zugriff von außerhalb der Universität zu ermöglichen, wird ein eigener Wählleitungszugang eingerichtet, der ausschließlich für Studenten zur Verfügung stehen soll (für Universitätsbedienstete wurde bereits ein ähnliches Service realisiert). Mit Hilfe dieses Wählleitungszuganges kann die persönliche eMail dann auch über eine Telefonleitung bearbeitet werden: Entweder mittels Terminalemulation direkt auf dem Studentenserver oder aber - noch komfortabler - mittels POP-Protokoll auf jedem Rechner, der entsprechend ausgestattet ist. Konkret benötigt man dafür ein Modem sowie SLIP- oder PPP-Software, mit deren Hilfe ein PC in einen Internet-Host mit eigener - allerdings nur für die Dauer der Verbindung gültiger - IP-Adresse "verwandelt" wird. Damit können auch Services wie FTP, WWW oder Gopher genützt werden - dem Internet-Surfen von zuhause oder vom Studentenheim aus steht dann nichts mehr im Wege...

Der Zugriff auf NetworkNews (ein System zum Informationsaustausch in diversen Diskussionsgruppen) wird ebenfalls über den Studentenserver möglich sein. Auch diese können entweder direkt am Server mit dem dort installierten Programm oder von jedem anderen Rechner im Datennetz der Uni Wien (bzw. mittels SLIP/ PPP) mit den entsprechenden Klienten gelesen werden. Bei Bedarf ist auch die Einrichtung von eigenen Newsgruppen für die Studierenden der Uni Wien durchaus möglich.

Die Anmeldung für den Internet-Zugang wird von den Studenten selbst über WWW durchgeführt werden können. Dadurch bekommen nur jene Studenten einen Internet-Zugang, die ihn wirklich wollen, was den Verwaltungsaufwand in erträglichen Grenzen hält. (Die Alternative wäre, jedem Studenten gleich mit der Immatrikulation/Inskription einen Internet-Zugang zu ermöglichen, ob dieser nun gewünscht wird oder nicht, was angesichts der Anzahl der an der Uni Wien inskribierten Studenten einen enormen administrativen Aufwand darstellen würde. Eine Abwicklung mittels Formularen wäre ohnehin nicht zu bewältigen.) Mit dieser Anmeldung erhält man eine Benutzungsberechtigung für den Studentenserver - inklusive eMail-Adresse - und für den Wählleitungszugang. Aus organisatorischen Gründen ist die Anmeldung nicht im Semester der erstmaligen Immatrikulation/Inskription, sondern erst im Folgesemester möglich (Sonderregelungen werden noch bekanntgegeben).

Zuständigkeiten

Wie oben erwähnt, wird dieses Projekt von drei Partnern in Angriff genommen. Das EDV-Zentrum kümmert sich um die Beschaffung und den Betrieb der Hard- und Software auf Seiten des EDV-Zentrums. Dies umfaßt u.a. den Studentenserver, die Wählleitungszugänge und die entsprechende Software. In den Aufgabenbereich des EDV-Zentrums fallen weiters die Realisierung der Anmeldung über WWW (WWW-Interface, Abgleich mit den Immatrikulationsdaten usw.) sowie die Verwaltung der Benutzungsberechtigungen und eMail-Adressen.

Die ÖH und CompDelphin werden als Anlaufstelle für die Studenten fungieren: Sie übernehmen die Bereitstellung von Informationsmaterial, die Beratung in Internet-Fragen - von "Was kann ich mit dem Internet anfangen?" bis zu "Wo finde ich Informationen über ...?" - sowie die Beratung beim eventuellen Ankauf eigener Hardware. Es soll beispielsweise möglich sein, bei CompDelphin vorkonfigurierte Modems sowie "Internet-PCs" zu erwerben. Weitere große Aufgabenbereiche sind die Bereitstellung geeigneter Netzwerkklienten für PCs, die Schulung der neuen Internet-Benutzer und - nicht zuletzt - die Schaffung von öffentlichen Zugangsmöglichkeiten zu PCs (z.B. in Fachschaften), wo immer dies technisch und organisatorisch möglich ist. Darüber hinaus könnten natürlich auch studentenbezogene Informationen über Internet angeboten werden.

Möglicherweise ändern sich noch gewisse Details dieses Konzepts - auf jeden Fall werden aber die Inbetriebnahme des Studentenservers und alle weiteren Einzelheiten rechtzeitig universitätsweit bekanntgegeben.