Gegenwart & Zukunft der VM-Rechenanlage

von Peter Rastl (Ausgabe 95/2, Juni 1995)

 

Wie berichtet, wurde Anfang Jänner 1995 die IBM-Großrechenanlage der Uni Wien durch ein kleineres, kompatibles Rechnersystem der Firma Comparex ersetzt. Dieser Wechsel war angebracht, da für die Durchführung numerisch intensiver Programme, die die IBM-Großrechenanlage zu etwa 85% in Anspruch genommen hatten, ein eigenes System angeschafft werden konnte und für die auf der VM-Rechenanlage verbleibenden Aufgaben (Bibliotheks- und Universitätsverwaltung sowie allgemeiner Timesharing-Betrieb) auch ein kleinerer und billigerer Rechner genügen mußte - immerhin wurden für die IBM-Großrechenanlage jährlich etwa 32 Millionen Schilling an Leasing- und Wartungskosten aufgewendet.

Während die IBM-Großrechenanlage über sechs Prozessoren mit je 21 MIPS (MIPS = Millionen Instruktionen pro Sekunde) verfügte, besaß die aktuelle VM-Rechenanlage Comparex CPX 99/721 zunächst nur einen einzigen Prozessor - dieser allerdings mit einer Leistung von 59 MIPS. Um die Gründe für den Wechsel und die Anforderungen an das zentrale Rechnersystem darstellen zu können, muß kurz auf die Systemumgebung eingegangen werden: Die Anlage wird unter dem Betriebssystem VM betrieben, das den allgemeinen Timesharing-Betrieb sowie die Programme und Datenbanken der Universitätsverwaltung unterstützt. Das Bibliotheksverwaltungssystem BIBOS jedoch, das auf dieser Rechenanlage für den gesamten österreichischen Bibliothekenverbund installiert ist, kann nicht unter VM betrieben werden - hierfür wird das Betriebssystem VSE eingesetzt, das im "second level" als spezielle Applikation unter VM läuft. VSE kann jedoch nur einen einzigen Prozessor nutzen, sodaß die für BIBOS verfügbare Rechnerleistung durch die Leistungsfähigkeit eines Einzelprozessors beschränkt ist. (Anstelle von VSE könnte man MVS einsetzen, das diese Beschränkung nicht aufweist und auch sonst viel leistungsfähiger, aber gleichzeitig viel aufwendiger und teurer ist. Da jedoch ohnehin in den nächsten Jahren mit der Ablöse von BIBOS zu rechnen ist, kommt eine so grundlegende Umstellung für wenige Jahre nicht in Betracht.)

Um BIBOS mehr Rechnerleistung zur Verfügung zu stellen, als auf einem einzelnen Prozessor der IBM-Großrechenanlage möglich war, wurden zwei VSE-Systeme nebeneinander installiert: Eines für den BIBOS-Produktionsbetrieb (Katalogisierung durch die Bibliothekare, Entlehnung an der UB Innsbruck und UB Salzburg) und ein zweites für den BIBOS-OPAC (Online-Katalog für alle Bibliotheksbenutzer). Der BIBOS-Betrieb nahm Ende 1994 in Spitzenzeiten etwa eineinhalb Prozessoren in Anspruch und konnte auf dem neuen Comparex-Prozessor also noch zusätzliche Ressourcen nutzen. Wider Erwarten zeigte sich allerdings, daß der BIBOS-Betrieb, nachdem die Hardware-Beschränkungen weggefallen waren, weit mehr Ressourcen als bisher in Anspruch nahm und in Spitzenzeiten praktisch die gesamte Rechnerleistung konsumieren konnte. Da diese Situation für den übrigen Rechnerbetrieb - vor allem für die Universitätsverwaltung - nicht zuträglich war, mußte der BIBOS-Betrieb softwaremäßig auf maximal zwei Drittel der gesamten Rechnerkapazität eingeschränkt werden. Obwohl also mehr Rechnerleistung verfügbar war, nahmen Benutzer primär die in Spitzenzeiten auftretenden Beschränkungen wahr, was anfänglich durch diverse Schwierigkeiten im Tuning des Systems noch erschwert wurde.

Im Mai 1995 wurde die Rechenanlage daher mit einem zweiten Prozessor ausgestattet, um der gestiegenen Inanspruchnahme durch die Bibliotheks- und Universitätsverwaltung kurzfristig Rechnung zu tragen. Der Comparex-Rechner ist jedoch - als kostengünstige Zwischenlösung bis Ende 1995 - nur gemietet: Da 1994 die Planungsgrundlagen über die künftige EDV-Versorgung des österreichischen wissenschaftlichen Bibliothekswesens noch weitgehend unklar waren, soll erst Ende 1995 die Ausschreibung zur Anschaffung eines neuen Zentralrechners für die Uni Wien stattfinden. Mit dieser Ausschreibung wird dann ein Mainframe-System für die nächsten vier Jahre ausgewählt, das vor allem den Erfordernissen der Bibliotheks- und Universitätsverwaltung entsprechen muß. Im Rahmen der Ausschreibung wird überwiegend auch die IBM-Rechnerperipherie, die zum Großteil aus dem Jahr 1986 stammt, ersetzt werden.

Für die Benutzer ergeben sich durch diese Umstellung keine gravierenden Veränderungen: Als Betriebssystem wird weiterhin VM (und VSE) verwendet - allerdings wird bis Ende des Jahres auf die Version 2 von VM/ESA umgestellt, um auch neue Funktionen der künftigen Hardware unterstützen zu können. Der allgemeine Timesharing-Betrieb (eMail, Textverarbeitung, Statistik-Applikationen usw.) wird im nächsten Jahr schrittweise auf andere Plattformen (PCs und Unix-Systeme) verlagert werden und stellt daher für die VM-Rechenanlage keinen Investitionsschwerpunkt mehr dar. Vorläufig werden nur solche Softwareprodukte außer Betrieb genommen, die ohnehin kaum noch verwendet werden (siehe Großputz auf der VM-Rechenanlage! ), sodaß die Betriebsumstellung für die Benutzer weitgehend unbemerkt ablaufen kann.