Audioschnitt mit Audacity
Aufnehmen, Bearbeiten und Abspielen von Audiodateien

von Thomas Gasser (Trainer des Kurses Audioschnitt) (Ausgabe 09/2, Oktober 2009)

 

Der Umgang mit Audiodateien gewinnt durch den beinahe als Boom zu bezeichnenden Einsatz von „Recordings“1) in unterschiedlichsten Bereichen – Web 2.0, Wissenschaft, Consumerbereich – zunehmend an Bedeutung. Maßgeblich daran beteiligt ist die junge Produktgruppe der sogenannten Pocket­rekorder, welche neue Möglichkeiten für das mobile Aufnehmen eröffnen und Schall, Klang und Musik wieder ins Rampenlicht einer so stark visuell geprägten Gesellschaft wie der unseren rücken. Die Aufnahmen sind jedoch nur Rohmaterial und müssen erst mehrere Arbeitsschritte, wie überspielen, editieren und mischen, durchlaufen, bevor sie als Endprodukt zur weiteren Verwendung bereit sind.

Der ZID bietet im Wintersemester 2009 im Rahmen seines Kursprogramms erstmalig auch Kurse zum Thema Audioschnitt an. Zielgruppe sind Personen, die aus digitalen Roh­materialien wie z. B. Berichten, Reportagen, Inter­views etc. optimal geschnittene und gemischte Beiträge erstellen wollen. Die TeilnehmerInnen erwerben ein grundlegendes Verständnis für die Thematik und Möglichkeiten der Audiobearbeitung. Anhand zahlreicher digitaler Tondokumente wird deren Bearbeitung (Schneiden, Zusammenfügen etc.) sowie Opti­mierung (Störgeräusche eliminieren, Pegel­änderungen etc.) erläutert und geübt.

Gerade für den Bereich der Audiobearbeitung, welcher sich an der Schnittstelle zu den Creative Industries, also Bereichen wie Design, Grafik, Werbung oder Multimedia, befindet, und in welchem viele UserInnen nur wenig oder gar kein Know-how besitzen, ist es wichtig, Fertigkeiten in einem Programm zu vermitteln, welches betriebssystemunabhängig und frei verfügbar ist. Die Wahl fiel deshalb auf das Open-Source-Programm Audacity, einem flexiblen Audioeditor, der für alle (semi)professionellen Aufgaben bestens ausgestattet ist.

 

Pocketrekorder – Tonstudios für die Hosentasche

Pocketrekorder sind digitale Aufzeichnungsgeräte in Form eines Diktiergeräts. Trotz ihres handlichen Formats lassen sich mit ihnen Audioaufnahmen in guter bis professioneller Tonqualität anfertigen. Gängige Aufnahmeformate sind MP3 und WAV in wählbaren Bitraten, zudem verfügen die Pocketrekorder über ver­schiedene Aufnahmefunktionen, z. B. diverse Filter, Com­pressor und Limiter für die Aufnahme von sehr leisen oder lauten Quellen, Timer-Aufnahmen oder Track Marker. Als Speicher­medium dienen vorrangig austauschbare Speicherkarten oder interner Speicher. Der Datentransfer auf einen Computer erfolgt entweder über USB-Kabel oder den Einsatz eines entsprechenden Speicherkartenlesegeräts. Einige Geräte verfügen neben dem standardmäßigen Kopfhörer­ausgang auch über einen integrierten Lautsprecher. Die Stromver­sor­gung der kleinen Mini-Tonstudios wird über Batterie, Akku oder Netz­teil aufrechterhalten.
Übrigends: Bereits seit 2001 gehören Pocketrekorder zur Standard­aus­rüstung aller ORF-Radio­reporter. [lk] Foto: Wikipedia

Einsatzmöglichkeiten für Audiodateien

Die Einsatzmöglichkeiten und optimale Aufbereitung von Audiodateien mit Hilfe der erlernten Fertigkeiten im Umgang mit Audacity sind sehr vielfältig und reichen von Anwendungen im Internet bis hin zu wissenschaftlichen Arbeiten.

Podcasts sind typische Kinder des Web 2.0. Grundsätzlich handelt es sich hier um eine Audioaufnahme, welche als Teil eines Blogs oder sogar als regelmäßige Radiosendung im Internet zur Verfügung gestellt wird. Mit sehr geringen Ausgaben ist es möglich, in dieser Welt der dezentralisierten Medien mitzumischen. Audacity bzw. Audioschnitt bietet uns hier die Möglichkeit, die Beiträge in einer guten Qualität aufzubereiten. Praktisch gesehen ist das vor allem das Komprimieren (bezogen auf den RMS-Wert d.h. Lautheit) der Dateien, das setzen von „Fades“ und das Anwenden unterschiedlicher Effekte. Selbst das Aufnehmen von Beiträgen direkt auf die Festplatte des Heimcomputers ist mit Audacity und einem Mikrofon einfach umzusetzen.

Qualitative Interviews können technisch aufbereitet werden, z. B. durch Lautstärkenanpassungen von zu leisen Stellen, dem Entfernen von Störgeräuschen oder dem Erstellen kleiner Dateien für Präsen­tationszwecke. Audacity bietet darüber hinaus zahlreiche Tools, welche bei der Auswertung der Interviews hilfreich sind. So lassen sich Passagen mit Textspuren markieren, das Interview in mehrere Teile schneiden und die Wiedergabe kann zu Transkriptionszwecken verlangsamt werden. Ebenso lassen sich hier selbst eingesprochene Kom­men­tare direkt zwischen Interviewpassagen einfügen.

In vielen US-amerikanischen Universitäten sind der Audio-Essay und Audio-Documentaries Standards für Forschungsarbeiten. Hierfür gelten genaue Richtlinien, besonders was das Erstellen und Archivieren der Daten betrifft. In Österreich ist eine Angleichung an die Standards des Phonogrammarchivs – Österreichs wissenschaftliches audiovisuelles Archiv empfehlenswert. Die Audioaufnahme bietet eine sehr unmittelbare Erfahrung der Dokumentation und ein „Recorder“ ist vielerorts geduldet, wo (Video)Kameras verboten sind.

Sonic Maps sind so etwas wie Audioguides, die man aus dem Museum kennt, bloß dass diese überall einsetzbar sind. Die Welt ist ein „Museum“ bzw. alle Plätze, Straßen, Orte sind voller Bedeutung und Geschichte. Denkbar sind Audioguides von Subkulturen, die einem Neuling auf spannende Reisen in noch nie gesehene Gassen oder Lokale begleiten. Hier treffen sich direkte Erfahrung und das portable Medium Ton als File auf dem Mobiltelefon oder einem beliebigen Player. Die Maps können mit Auszügen von Musikstücken, Erzählungen, Interviews und Sprechertexten versehen sein. Eine besonders aufwendige Nachbearbeitung mit mehreren Spuren ist keine Seltenheit.

Soundscapes sind Aufnahmen von Klanglandschaften in der Stadt, am Land, an spezifischen Orten oder bei bestimmten Ereignissen. Sowohl im kultur- und sozialwissenschaftlichen Sektor (u.a. klassische Ethnomusikologie) als auch im Forschungsbereich der Lärmverschmutzung finden diese ihren Platz in der Wissenschaft. Soundscapes können relativ roh belassen werden, doch gerade bei Vorführungen ist es notwendig, spannende Auszüge vorzubereiten.

Die hier genannten Möglichkeiten bieten unzählige Varia­tionen und Kombinationsmöglichkeiten. Seien es Vortrags­auszüge, die in einem Scientific Community-Blog online gestellt werden, kurze Radioclips fürs Guerilla-Marketing2) oder auch selbst eingesprochene Lernhilfen. Audioschnitt und der Umgang mit Audacity sind leicht erlernbare Fertigkeiten, welche die User-Ability der heutigen technischen Möglichkeiten enorm steigern und für kreative Geister ein breites Betätigungsfeld bieten.

Audacity – Ein kurzer Überblick

Benutzeroberfläche von Audacity (Windows)

 Die Open-Source-Software Audacity zur Aufnahme und Bearbeitung von Audiodateien ist in mehreren Sprachen, darunter auch deutsch, erhältlich und läuft unter Windows, Mac OS X und Linux.

Was kann Audacity?

Mit Audacity können Audiodateien importiert, bearbeitet und später wieder exportiert (MP3,WAV, AIFF, AU,OGG) werden. Außerdem können Liveaufnahmen, z. B. von einem Mikrofon, in verschiedenen Tonqualitäten aufgenommen werden. Einige Soundkarten ermöglichen es auch, Aufnahmen von Audiostreams aus dem Internet zu erstellen. Neben der klassischen Bearbeitung von Aufnahmen (schneiden, kopieren, einfügen, löschen) und dem Mixen einer unbegrenzten Anzahl von Audiodateien stehen im Programm eine Vielzahl an Effekte zur Verfügung. Dazu zählen z. B. das Ändern der Lautstärke und Tonhöhe, das Löschen von statischen Hintergrundgeräuschen (Knacksen, Pfeifen usw.) sowie weitere Effekte wie Echo, Phaser, Wahwah, Reverse etc. Zudem stehen erweiterte Werkzeuge (z. B. genauere Frequenzanalyse) und eine Reihe Plugins zur Verfügung.

Download & Hilfe

Audacity kann unter Öffnet einen externen Link in einem neuen Fensterhttp://audacity.sourceforge.net/ kostenlos heruntergeladen werden. Zudem werden auf der Webseite ausführliche Dokumentationen (deutsches Handbuch, Tutorials) und eine FAQ-Seite angeboten. [lk]

Audiobeiträge veröffentlichen

Studierende und MitarbeiterInnen der Universität Wien können verschiedene Services in Anspruch nehmen, um eigene Audioaufnahmen zu archivieren, zu speichern oder anderen zur Verfügung zu stellen.

Streaming-Server

MitarbeiterInnen der Universität, die Audiodateien über das Internet zur Verfügung stellen möchten, können den Streaming-Server der Universität Wien verwenden. Dieser dient als Plattform zur Ablage von Audio- und Videodateien und kann derzeit kostenlos zur Bereitstellung entsprechender Inhalte verwendet werden. Beachten Sie jedoch, dass bei frei zugänglichen Inhalten die gesetzlichen Bestimmungen zur Veröffentlichung von Ton- und Bildmaterial beachtet werden müssen!
Infos: Öffnet einen externen Link in einem neuen Fensterwww.univie.ac.at/ZID/streaming-server/

Der neue Streaming-Server der Universität Wien http://comment.univie.ac.at/08-2/26/

Phaidra

Phaidra ist eine Plattform zur Langzeitarchivierung von hochwertigen digitalen Inhalten, die in Wissenschaft, Forschung und Lehre entstehen und die dauerhaft aufbewahrt und zur Verfügung gestellt werden sollen. Das Speichern von Objekten ist für MitarbeiterInnen und Studie­rende der Universität Wien mit gültigem Mailbox- bzw. u:net-Account möglich.
Infos: Öffnet einen externen Link in einem neuen Fensterhttps://phaidra.univie.ac.at

Phaidra – Eine Plattform für hochwertige digitale Inhalte comment.univie.ac.at/08-1/19/

E-Learning

Für Lehre und Forschung können auch in die universitätsweiten E-Learning-Plattformen (Fronter, Moodle) Audioinhalte eingebunden werden.
Infos: Öffnet einen externen Link in einem neuen Fensterwww.univie.ac.at/ZID/elearning/

Webspace

Daten-Speicherplatz steht Studierenden (1 GB) und MitarbeiterInnen  (10 GB) auch in Form von Webspace zur Verfügung.
Infos: Öffnet einen externen Link in einem neuen Fensterwww.univie.ac.at/ZID/webspace/

 

 

1) Buchtipp: Makagon, Daniel (2009): Recording Culture. Sage Publications, California
2)  Guerilla-Marketing bezeichnet alternatives Marketing, das mit ungewöhnlichen Aktionen und geringem Mitteleinsatz eine große Wirkung erzielen soll. Buchtipp: Langer, Sascha (2008): Guerilla-Marketing mit Open-Source-Tools. Bomots