Qualitative Datenanalyse mit ATLAS.ti
Als u:soft und Standardsoftware erhältlich

von Mag. Dr. Bernhard Hadolt, M.Sc. (Institut für Kultur- und Sozialanthropologie)
(Ausgabe 09/1, April 2009)

 

Was für die quantitative Analyse von Daten an der Universität Wien längst Standard ist, wird nun auch für den Bereich der qualitativen Datenanalyse (QDA) möglich: die computer­gestützte Aufbereitung, Analyse und Darstellung von empirischen Daten. Mit ATLAS.ti in seiner eben erschienenen Programmversion 6.0 steht Mitarbeiter/-innen und Studieren­den eines der leistungsstärksten QDA-Programme auf dem Markt zur Verfügung. Es kann gegen eine geringe Lizenz­ge­bühr (EUR 21,- für Institute und EUR 20,- für Studierende) über den ZID der Universität Wien als Öffnet einen externen Link in einem neuen FensterStandardsoftware und als Öffnet einen externen Link in einem neuen Fensteru:soft bezogen werden.

Bevor die Software in seinen Grundzügen dargestellt wird, soll gleich zu Beginn klar gestellt werden: ATLAS.ti (und andere QDA-Software) nimmt Forscher/-innen keine analytische Arbeit im engeren Sinne ab: Das „Verstehen“ von Daten, das Konzeptualisieren und die Theoriebildung haben weiterhin ausschließlich Forscher/-innen zu leisten.

QDA-Programme wie ATLAS.ti unterstützen diese Tätigkeiten lediglich, indem sie Werkzeuge zur Verfügung stellen, die die Organisation von Daten, das Indexieren (Kodieren) von Datensegmenten, das Wiederauffinden dieser Segmente und die (grafische und textuelle) Darstellung der Forschungs­ergebnisse – verglichen mit der „händischen“ Auswertung auf Papier und im „Zettelkasten“ – bedeutend erleichtern. Die Stärken und der große Nutzen solcher Software liegen damit im Management von Daten und in der Darstellung von Analyseergebnissen.

Grundprinzipien: Code-and-Retrieve und Hypertext

ATLAS.ti basiert auf dem sogenannten Code-and-Retrieve-Verfahren, also dem Indexieren (Kodieren) und Wieder­auffinden (Retrieve) von Datensegmenten (in vielen Fällen Textstellen). Dabei werden ähnlich wie beim Markieren oder Unterstreichen von Textstellen mit Leucht­markern zunächst „Zitate“ erstellt, d.h. Datenausschnitte als bedeutungsvolle Belegstellen festgehalten. Diesen Zitaten werden beschreibende oder analytische Begriffe (Kodes) zugewiesen. Die mit solchen Kodes verknüpften Belegstellen können später in Suchabfragen wieder aufgefunden werden, um miteinander verglichen und analysiert werden zu können.

Neben Code-and-Retrieve-Werkzeugen verfügt ATLAS.ti des Weiteren über Möglichkeiten, Querverweise zwischen Datensegmenten bzw. Kodes sowie Memos zu erstellen. Über solche Hyperlinks können „zusammengehörige“ Datenstellen, die im Datenmaterial möglicherweise weit verstreut vorliegen, miteinander verlinkt werden. Auf diese Weise wird das Datenmaterial nicht nur geordnet, sondern auch einfacher zugänglich, indem einfach von einer Daten­stelle zur nächsten „gesprungen“ werden kann.

Der HU-Editor

Die Benutzeroberfläche von ATLAS.ti – der sogenannte HU-Editor – spiegelt das Prinzip des Kodierens wieder: neben einem Dropdown-Menü, Listenfeldern und Symbol­leisten enthält sie ein großes Textfeld und einen „Seiten­rand­bereich“ (Abb. 1). Im Textbereich werden die Daten dar­gestellt (meist Text- und Bilddateien), im Seitenrandbereich die Objekte der „analytischen“ Arbeit wie sie mit Daten­segmenten verknüpft wurden (Zitate, Kodes und Memos). Die Größe dieser Arbeitsbereiche kann durch das Ver­schie­ben des Trennbalkens zwischen Text­bereich und Seitenrand­bereich den jeweiligen Erfor­der­nissen angepasst werden.

Abb. 1: Benutzeroberfläche von ATLAS.ti: Der HU-Editor mit Textfeld und Seitenrandbereich.

 

Als HU-Editor wird die Benutzeroberfläche deshalb bezeichnet, weil sie der Bearbeitung einer hermeneutischen Einheit (hermeneutic unit oder kurz HU) dient. Eine HU ist als eine Art elektronischer Container zu verstehen, in dem alle Objekte und deren Beziehungen eines ATLAS.ti-Projekts für die qualitative („hermeneutische“) Datenanalyse zusammengefasst werden. Das betrifft im Wesentlichen Zitate, Kodes, Memos, Suchabfragen und die in ein Projekt eingebundenen Datendokumente (Primärdokumente). In ihrer Gesamtheit stellen die Primärdokumente den Datenpool dar, der im betreffenden ATLAS.ti-Projekt verwendet wird. Als Primärdokumente können Text-, Bild-, Audio- und Video-Files dienen, die von ATLAS.ti in einer Vielzahl von Formaten unterstützt werden, darunter das RTF- und in der neuen Version 6.0 sogar das PDF-Format.

Primärdokumente sind nicht wirklich Teil der HU, sondern werden im Textfenster lediglich angezeigt und bleiben von der Arbeit in ATLAS.ti üblicherweise unberührt. Dadurch ist die Dateigröße des HU-Files selbst klein und die Migration der HU von einem Computer auf den anderen relativ einfach. Damit kann an einem ATLAS.ti Projekt in einfacher Weise von mehreren Arbeitsplätzen aus (und von mehreren Forscher/-innen) gearbeitet werden. Über das Aktivieren einer Editierfunktion kann aber auch direkt in Text­dokumente eingegriffen werden. Dies ist hilfreich, um etwa Tippfehler in einem Interviewtranskript auszubessern oder Textformatierungen vorzunehmen.

Zitate erstellen und Kodieren

Sind Primärdokumente in eine HU eingebunden (was u.a. mittels einfachem Drag-and-Drop zu bewerkstelligen ist), können sie durchkodiert werden. Um ein Datensegment zu kodieren, muss dieses zunächst markiert werden (wie aus Textverarbeitungsprogrammen gewohnt oder indem mit der Maus ein Rahmen um einen Bildausschnitt gezogen wird). Danach wird der Kode zugewiesen, was u.a. über die Buttons der vertikalen Werkzeugleiste erfolgt oder indem ein Kode aus der Kodeliste auf das Daten­segment gezogen wird. Gleichzeitig wird damit auch ein Zitat erstellt, das mit dem Kode verknüpft ist. Zitat und Kode scheinen im Seitenrandbereich auf; durch deren Anklicken kann das dazugehörige Datensegment wieder aufgerufen werden. Wurde ein neuer Kode vergeben, verlängert sich die Kodeliste im Code Manager, über den alle Kode-bezogenen Funktionen abgerufen werden, um einen Eintrag (Abb. 2).

Abb. 2: Der Code Manager zeigt alle vergebenen Kodes in einer Kodeliste.

 

Kodelisten können aus anderen HUs übernommen werden oder entstehen sukzessive durch die Kodierarbeit im jeweiligen ATLAS.ti-Projekt. Neben der Vergabe von neuen Kodes, In-vivo-Kodes und der Auswahl aus der Kodeliste stellt ATLAS.ti auch eine Auto-Kodierfunktion bereit, die es erlaubt, Suchtreffer während einer Textsuche nach vordefinierbaren Kriterien automatisch zu kodieren. Die Suchabfrage kann hierbei in einem einzigen Arbeitsgang über alle Primärdokumente hinweg gestellt werden.

Mit sich verändernden Erkenntnissen über den Analysegegenstand während des Forschungs­prozesses leidet üblicherweise die „Passgenauigkeit“ von Kodes. Um Kodes sich verändernden Bedürf­nissen anpassen zu können, erlaubt ATLAS.ti, Kodes nicht nur umzubenennen, sondern auch mit anderen Kodes zusammen zu führen oder in mehrere Kodes zu trennen. Die Flexibilität von ATLAS.ti zeigt sich auch im Handling von Zitaten, deren Grenzen auch noch nach dem Erstellen des Zitats ausgeweitet oder eingeengt werden können.

Wiederauffinden von „zitierten“ Datensegmenten

Ein Zitat, das mit einem Kode verknüpft wurde, lässt sich denkbar einfach über einen Dop­pel­klick mit der Maus auf den Kode in der Kodeliste aufrufen. Hän­gen an einem Kode meh­rere Zitate, wird in ei­nem Fens­ter eine Liste aller Zitate angezeigt (Abb. 3). Mit einem Mausklick auf den entsprechenden Eintrag wird das dazugehörige Daten­segment im Textbereich im Kontext seines Primärdokuments angezeigt. Auf diese Weise lässt sich ein Zitat nach dem anderen aufrufen, unabhängig davon, in welchem Primär­dokument das Zitat vorliegt.

Abb. 3: Zitatfenster (Quotations)

 

Mit dem sogenannten Query Tool (Abb. 4) lassen sich auch bedeutend komplexere Abfragen nach kodierten Daten­segmenten realisieren, indem Kodes miteinander kombiniert werden. Die Auswahl der in die Abfrage einbezogenen Primärdokumente kann dabei zunächst über das Setzen von Filtern eingeschränkt werden, was prägnantere Trefferlisten von Zitaten verspricht.

Abb. 4: Mit dem Query Tool lassen sich komplexe Abfragen mittels verschiedener Operatoren, z.B. Boolescher Operatoren, durchführen.

 

Für die Konstruktion von Abfragen im Query Tool stehen drei Arten von Operatoren zu Verfügung, mittels derer Kodes miteinander kombiniert werden können: Neben den bekannten Booleschen Operatoren (z. B. „Kode A ODER Kode B“) kommen Semantische Operatoren zur Anwendung, bei denen hierarchische Verknüpfungen von Kodes genutzt werden (z. B. „alle Unterkodes von Kode A“). Dies setzt jedoch voraus, dass der/die Nutzer/-in Kodes bereits analytisch miteinander verknüpft hat (z. B. im Netzwerkeditor, siehe Abb. 6). Näherungsoperatoren schließlich nutzen die Nähe bzw. Überlappungsformen von Zitaten in Primär­dokumenten untereinander (z. B. „Kode B folgt Kode A“ oder „Kode B überschneidet Kode A“). Alle Operatoren lassen sich untereinander beliebig kombinieren.

Damit komplexe Suchabfragen nicht immer wieder von Neuem eingegeben werden müssen, lässt sich die Suchabfrage in Form eines Super Code ablegen, der wie normale Kodes im Code Manager aufscheint und über den durch einfachen Doppelklick die Liste der entsprechenden Zitate ausgegeben werden kann. Der Super Code wird dabei dynamisch aktualisiert, wenn während des weiteren Kodierprozesses hinsichtlich der im Super Code verwendeten Kodes Änderungen gemacht werden.

Suchabfragen auf der Textebene

Suchabfragen können nicht nur auf der Ebene von Kodes gestellt werden, sondern – in textuellen Primär­dokumenten wie Interview­tran­skripten, Feld­no­tizen, Telefon­protokollen und Memos – auch auf Textebene. Wie bei der Auto-Kodierfunktion kann die Suche auf ein Textdokument eingeschränkt werden oder in einem Arbeitsgang gleich mehrere Dokumente umfassen. Bei Letzterem öffnet ATLAS.ti während des Suchvorgangs ein Primärdokument nach dem anderen und stoppt bei jedem Suchtreffer. Bevor die Suche mit Klick auf einen Button fortgesetzt wird, kann die Fundstelle wie gewohnt z. B. kodiert oder mit einem Memo versehen werden.

Bei umfangreichen Projekten mit mehreren dutzend oder hundert Textdoku­menten erleichtert die Textsuch­funk­tion das schnelle Auf­finden von Text­stellen erheblich und rechtfertigt oft bereits aus diesem Grund den (geringen) Aufwand des Erstellens eines neuen ATLAS.ti-Projekts.

Im Standard Search Mode bestehen die Ausdrücke der Suche aus einfachen Zeichenketten. In komplexeren Such­ab­fragen können gleichzeitig mehrere Such­ausdrücke („Such­schwär­me“) verwendet werden. Wenn eine Suche z. B. Textstellen aus­werfen soll, in denen es um Farben geht, kann etwa gleichzeitig nach „grün“, „rot“, „blau“ etc. gesucht werden (Abb. 5). In Kombination mit einer solchen Oder-Suche können auch andere „reguläre Ausdrücke“ (GREP) genutzt werden, wie * als Platzhalter für beliebig viele Zeichen (*caus* sucht nach allen Zeichenketten beliebiger Länge, die „caus“ enthalten, etwa „because“, „causes“ und „causation“) oder [ ] (mit „199[3-7]“ lassen sich alle Jahre von 1993 bis 1997 suchen). Solche komplexen Suchabfragen können als Such­kategorien gespeichert werden. Sie werden in Such­biblio­theken abgelegt und stehen für spätere Such­abfragen bereit, ohne wieder neu eingegeben werden zu müssen.

Abb. 5: Textsuchfunktion (Text Search)

 

Die Netzwerkfunktion

Neben dem Herstellen von Objekten (u.a. Primärdokumente, Zitate, Kodes und Memos) besteht eine zentrale Tätigkeit in einem ATLAS.ti-Projekt im Verknüpfen solcher Objekte miteinander. Beim Kodieren etwa werden nicht nur Zitate und Kodes geschaffen, sondern auch Kodes mit Zitaten und Datensegmenten verknüpft. Eine HU stellt die Gesamtheit von Objekten und deren Relationen untereinander dar. Mit der Netzwerkfunktion von ATLAS.ti lassen sich Ausschnitte dieses Gebildes darstellen. Darüber hinaus dient die Netz­werkfunktion aber auch der Herstellung und Definition von Relationen zwischen Objekten, insbesondere zwischen Kodes. Auf diese Weise werden Kodes auf analytischer Ebene miteinander verbunden – etwa um ein theoretisches Modell zu entwickeln. Neben einer Reihe von vordefinierten Relationen (z. B. „A ist Teil von B“, „A verursacht B“ und „A widerspricht B“) erlaubt ATLAS.ti auch das Erstellen neuer Relationen.

Ein Netzwerk wird üblicherweise um einen wichtigen Kode herum entwickelt, indem relevante Kodes und andere Objekte in das Fenster der Netzwerkansicht (Network View) gezogen und dann untereinander verlinkt werden (Abb. 6). Zur übersichtlicheren Darstellung der oft rasch komplexer werdenden Netzwerke stellt ATLAS.ti Layoutroutinen der Darstellung bereit. Jedes Objekt eines Netzwerks kann jedoch auch gesondert im Netzwerkfenster angeordnet werden. Für Publikationen und Präsentationen lassen sich Netzwerkansichten auf verschiedene Weise exportieren.

Abb. 6: Die Netzwerkansicht (Network View) dient u.a. der Herstellung und Definition von Relationen zwischen Objekten.

 

Weitere Funktionen

ATLAS.ti bietet eine Reihe weiterer nützlicher Funktionen, von denen hier nur einige kurz erwähnt werden können. Mit Hilfe des Word Crunchers können einfache Häufig­keits­auszählungen von Worten durchgeführt werden. Die aktuelle Version 6.0 beinhaltet erstmals auch ein Tool zum Tran­skribieren von Audio- und Videodaten. Damit können u.a. Medien-Segmente mit den dazugehörigen Transkrip­tions­stellen verlinkt werden, wodurch das Originalzitat auf Knopf­druck abgerufen werden kann.

Tools zum Verfassen von Memos, zum Zusammenführen von zwei ATLAS.ti-Projekten und zum Editieren von textuellen Primärdokumenten sowie ein Text-Editor und ein User-Editor, mit dem verschiedene Autor(inn)en, die an einem Projekt arbeiten, verwaltet werden können, ergänzen den Funktionsumfang.

Für alle wichtigen Objekttypen lassen sich „Familien“ (eine Art Ordner) erstellen, mit Hilfe derer sich die Objekte des jeweiligen Typus nach den Vorgaben der Nutzer/-innen ordnen lassen und die als Filter etwa bei der Kodierarbeit oder Suchabfragen verwendet werden können. Für Aus­schnitte einer HU oder auch für die gesamte HU stehen verschiedene Output- und Export-Optionen bereit. So erlaubt ATLAS.ti den Export der gesamten HU im HTML- und im XML-Format. Nach entsprechender Aufbereitung lassen sich sogar quantifizierende Analysen bewerkstelligen und als SPSS-Syntax-File exportieren.

Einsatzgebiete und technische Voraussetzungen

ATLAS.ti eignet sich für alle Forschungsbereiche, in denen qualitative Daten organisiert und analysiert werden. Das betrifft klassischerweise die Kultur- und Sozialwissen­schaften, wofür die Software ursprünglich auch entwickelt wurde. Das Programm kommt aber auch in Anwendungsgebieten wie Kunstgeschichte und Medizin zum Einsatz, wo es etwa zur Analyse von Gemälden und Röntgenbildern verwendet wird. Der Einsatz von ATLAS.ti empfiehlt sich insbesondere, wenn große Datenmengen bewältigt werden müssen, wenn die Datenaufbereitungs- und Analyseergebnisse auch noch nach längerer Zeit verfügbar sein sollen, und wenn die qualitative Datenanalyse in Forscherteams erfolgt. Aber auch für Studierende auf Diplomarbeitsebene und davor lohnt sich der Einsatz von ATLAS.ti – nicht zuletzt aufgrund des schnellen Einstiegs und der einfachen Bedienung.

ATLAS.ti ist zwar eine reine Windows-Applikation, mit entsprechender Virtualisierungssoftware bzw. in einer Dual-Boot-Konfiguration lässt sich die Software jedoch auch unter Unix/Linux und Mac OS betreiben. Das Programm selbst und das ausführliche Handbuch ist nur in englischer Sprache verfügbar. Eine Kurzeinführung gibt es in verschiedenen Sprachen, darunter auch Deutsch. Weitere Informa­tionen zu Funktionsumfang, Bedienung und System­vor­aus­setzungen finden sich auf der Homepage des Herstellers unter Öffnet einen externen Link in einem neuen Fensterwww.atlasti.com/de/.