Content Management Systeme
Software für operative Eingriffe in lebende Websites

von Alexander Berndl (Ausgabe 06/3, Oktober 2006)

 

Auf die Frage "Kennen Sie ein CMS?" hört man so gut wie immer: "Nein, nie gehört!" oder "Noch nie gesehen!" - und genau das ist die Stärke eines CMS: verborgen im Hintergrund zu agieren.

Ein CMS (Content Management System) ist eine Software, welche die gemeinschaftliche und einfache Eingabe von Webseiten-Inhalten (Content) auch für BenutzerInnen ohne technisches Verständnis bzw. ohne Kenntnisse in HTML/XML1)/CSS etc. ermöglicht. Eines haben alle CMS-Produkte gemeinsam: Beim Besuch einer Webseite bemerkt man nichts davon. Interessierte finden eventuell im Quelltext versteckt den Hinweis, ob ein (bzw. welches) CMS verwendet wurde; oft wird diese Information aber auch verborgen.

Breite Auswahl - kostenlos

Bei der Flut an verschiedenen Systemen ist es schwer, die Übersicht zu bewahren und seinen Favoriten zu küren. Neben kommerziellen CMS-Produkten, die von Firmen auf die jeweiligen Umgebungen und deren Bedürfnisse zurechtgestrickt werden und die üblicherweise späteren Support beinhalten, haben die Open Source-Systeme einen gewichtigen Platz am CMS-Markt eingenommen. Eine feine Übersicht der wichtigsten Produkte mit der Möglichkeit, diese auch gleich live auszuprobieren, findet man unter www.opensourcecms.com.

In diesem Artikel wird bewusst auf kein spezielles CMS eingegangen, auch wird weder Werbung gemacht noch eine Empfehlung für ein bestimmtes Produkt ausgesprochen. Aufgrund der Vielzahl an Systemen, die es derzeit am Markt gibt, wäre dies auch nicht ratsam, da jeder Anwender seine eigenen Anforderungen und Bedürfnisse hat, welche von seinem bevorzugten CMS abgedeckt werden sollen. Daher beschränken wir uns im Folgenden auf die Nennung von vier bekannteren und leistungsfähigeren Content Management Systemen: Joomla, Typo3, Wordpress und Postnuke.

  • Joomla hat im Laufe seiner eher kurzen Existenz schon einiges mitgemacht - hat es sich doch vor kurzem vom ursprünglichen Mutterprodukt Mambo abgespalten und lebt nun weiter durch engagierte Programmierer und eine beispielhafte Community. Dieses CMS zeichnet sich durch seine schnelle Erlernbarkeit und relativ einfache Bedienung, gepaart mit Optionsvielfalt, aus.

  • Typo3 wurde von einem dänischen Programmierer ins Leben gerufen und seither stetig weiterentwickelt. Die Stärken von Typo3 liegen in der fast unübertroffenen Leistungsfähigkeit und Flexibilität - gute Gründe dafür, dass Typo3 auch an der Uni Wien eingesetzt wird (siehe hierzu Artikel Webauftritte leicht gemacht: Typo3 an der Universität Wien).

  • Wordpress hat sich ganz dem Blog2) verschrieben und bietet Add-Ons, also optionale Module bzw. Erweiterungen, sowie Features speziell für diesen Bereich an.

  • Postnuke hingegen besticht vorrangig durch seine Stabilität und Performance.

Eine der schönsten Eigenschaften haben viele CMS-Systeme gemeinsam: Sie sind kostenlos. Geschützt nur durch die GNU GPL (General Public License)3) dürfen sie also frei verwendet, verändert und weitergegeben werden - solange man sie nicht als sein eigenes Produkt ausgibt. Weiters existiert für diese Systeme eine riesige Anzahl an Erweiterungen (Add-Ons), um Webseiten mit neuen Features zu versehen - z.B. mit Gästebüchern, Newsletters, erweiterten Suchfeldern oder Ähnlichem.

Wie läuft?s?

Als Basis für den überwiegenden Teil der Content Management Systeme dient die Programmsammlung LAMP. Diese stellt alles Nötige zur Verfügung, um einen Webserver zu betreiben. Das Akronym LAMP steht für

  • Linux (das Betriebssystem, unter dem die Sammlung läuft),
  • Apache (der eigentliche Webserver),
  • MySQL (die Datenbank) und
  • PHP (die Skriptsprache).

Als weitere Formen existieren noch WAMP für Windows und MAMP für Mac OS X. Einzelne CMS setzen auf Perl anstatt auf PHP; andere bieten wiederum den erforderlichen Support, um eine Oracle-Datenbank, PostgreSQL oder MS-SQL anstatt MySQL zu verwenden. Auch den jeweils verfügbaren Webspace sollte man bedenken: Bei einer Typo3-Instanz nimmt beispielsweise die reine Erst-Installation bereits etwa 8 MB in Anspruch. Hierzu kommen noch Erweiterungen von Typo3 (Extensions) sowie die eigentliche Homepage samt Bildern und sonstigen Dateien.

Klassifizierung

Content Management Systeme lassen sich durch zwei wichtige Merkmale charakterisieren:

Dynamik der Content-Bereitstellung

Man unterscheidet hierbei zwischen statischen, volldynamischen und gemischten Systemen.

  • Statische Systeme legen jedes HTML-Dokument als statische Webseite auf dem Server ab. Der Vorteil dieser Variante ist der geringe Ressourcenverbrauch des Servers bzw. dessen Prozessors, da die Seite nicht bei jedem Aufruf mittels einer Programmiersprache (z.B. Perl, PHP) dynamisch generiert werden muss.

  • Volldynamische CMS zeigen bei jedem Seitenaufruf den jeweils aktuellsten Content an. Am meisten von dieser Methode profitieren z.B. Nachrichten-Seiten, auf denen es mitunter zu minütlichen Änderungen kommt.

  • Gemischte Systeme stellen den Content teilweise statisch zur Verfügung, wobei jedoch Bereiche, die häufigen Aktualisierungen unterliegen, dynamisch generiert und eingebunden werden. Diese Art trifft man am häufigsten an, da sie die Vorteile eines statischen mit den Vorzügen eines dynamischen CMS verbindet.

Beherbergung der CMS-Software

Hier unterscheidet man clientseitige, serverbasierende und kombinierte Systeme.

  • Clientseitige CMS - das sind jene Produkte, die auf dem Rechner des Anwenders installiert sind und mit denen die Seiten auch direkt dort erstellt und bearbeitet werden -, sind eher in der Minderzahl. Sie finden zumeist bei Dateien Anwendung, deren Bearbeitung auf einem Server zu viele Ressourcen verbrauchen würde (z.B. Videos).

  • Am weitesten verbreitet ist die serverbasierende CMS-Variante, die eine Bearbeitung des Content direkt am Server erlaubt. Ihr großer Vorteil ist, dass das Arbeiten mit dem CMS von jedem Computer (mit Internetzugang) von jedem Standort der Welt aus und mit jedem Betriebssystem nur mit einem Browser möglich ist. Die Anforderungen an das technische Verständnis der Redakteure sind extrem niedrig, wodurch praktisch allen AnwenderInnen die Verwendung des Systems ermöglicht wird.

  • Die dritte, seltener anzutreffende Kategorie sind kombinierte Systeme, die sowohl client- als auch serverseitig arbeiten.

Händisch oder CMS-basiert? Der Arbeitsaufwand im Vergleich

Wenn man den Aufwand für Erstellung und Wartung einer herkömmlichen (= händisch erstellten und großteils statischen) Webseite mit dem bei einer CMS-verwalteten4) Seite anfallenden Aufwand vergleicht, kristallisieren sich folgende Vor- und Nachteile heraus:

Erstellung

Hier hat eindeutig die herkömmliche Variante die Nase vorn. Während es mit Hilfe eines HTML-Editors (üblicherweise eines WYSIWYG-Editors) relativ leicht und schnell möglich ist, eine ansprechende Webseite zu gestalten, muss man für ein CMS schon mal einiges an Zeit und Geduld investieren, ehe man vernünftig damit arbeiten kann: Anleitungen wollen gelesen, Workshops durchgemacht, Foren durchforstet und Nerven bewahrt werden, vor allem bei hartnäckigen Problemen. Der Aufwand variiert selbstverständlich je nach Umfang des verwendeten CMS.

Layout

Auch im Hinblick auf die Gestaltung ist es mit der statischen Methode relativ einfach, ein Layout zu kreieren. Ein wenig aufwendiger gestaltet sich diese Aufgabe mittels CMS. Hier werden so genannte Templates (Designvorlagen) verwendet, die komplett unabhängig vom eigentlichen Content behandelt werden. Dadurch wird das Layout jedoch flexibler und lässt sich für einzelne Seiten oder den gesamten Webauftritt mit nur wenigen Mausklicks komplett verändern.

Pflege

Vor allem bei der späteren Pflege der Seiten spielt ein CMS seine Stärken voll aus. Während es bei einer händisch gepflegten Website aufwendig und mühsam ist, eine Änderung auf allen bestehenden Seiten durchzuziehen, wird dies mittels CMS zum Kinderspiel. Ist man erst einmal mit der Benutzeroberfläche vertraut, lassen sich sämtliche Arbeitsschritte im Handumdrehen und nur mit Hilfe des Browsers erledigen. Zudem behält man gerade bei umfangreichen Webauftritten dank CMS leichter den Überblick: Programmiersprachen wie JavaScript vereinfachen z.B. mittels Drag & Drop die Bearbeitung oder auch das Verschieben ganzer Seiten im Menübaum.

Multi-User-Betrieb

Die gleichzeitige Bearbeitung einer Webseite durch mehrere Redakteure kann bei einem herkömmlichen System mitunter gravierende Auswirkungen haben. Mühsam eingegebener Content kann leicht überschrieben werden, Sicherungen sind für den kurzen Zeitraum einer Änderung meist keine vorhanden - die Arbeit war umsonst. Da es keine Logfiles gibt, kann auch nicht schnell herausgefunden werden, wer gerade an einer Webseite arbeitet. Dieser Fall kann mit einem CMS nicht eintreten: Sobald ein Benutzer eine Seite bearbeitet, wird diese für alle anderen gesperrt. Änderungen können jederzeit wieder rückgängig gemacht werden, detaillierte Logfiles sind vorhanden. Umfangreichere Systeme beinhalten ausgeklügelte User- und Gruppen-Berechtigungssysteme, welche z.B. den Zugriff, Änderungen, Erstellungen oder Löschvorgänge auf bestimmte AnwenderInnen beschränken können.

Dateiverwaltung

Dateisammlungen, die in Webseiten eingebunden oder zum Download angeboten werden (Bilder, PowerPoint-Präsentationen, PDF-Dateien etc.), können im Laufe der Zeit einen beachtlichen Umfang annehmen. Einzeln hochgeladen, meist nur durch Ordner und Unterordner sortiert, verliert man schnell die Übersicht.

Ganz anders gestaltet sich das mit einem CMS, welches eine Dateiverwaltung aufweist, mit der sich Dateien einfach mittels Browser hochladen, einordnen, beschriften und natürlich auch gleich ansehen lassen. Große Dateisammlungen wie z.B. Fotogalerien lassen sich auf diese Art und Weise unkompliziert publizieren und verwalten.

Neue Features

Beim Einbau neuer Features - wie etwa eines Gästebuchs, einer Fotogalerie oder eines eigenen Forums - entstehen bei herkömmlich gewarteten Webseiten Arbeiten in Form von: gewünschte Software aussuchen, downloaden, installieren, an die eigene Seite in Funktion und Design anpassen, im Betrieb warten und gegebenenfalls updaten. CMS-AnwenderInnen können sich hingegen über vorgefertigte Add-Ons freuen, die man einfach mittels Mausklick einspielen, konfigurieren und auch gleich im System warten und aktuell halten kann.

Technische Wartung und Sicherheit

Im Hinblick auf die Sicherheit des Systems ist es auch beim Einsatz eines CMS unerlässlich, die einzelnen Software-Komponenten auf dem Stand der Technik zu halten. Händisch alle eingepflegten, dynamischen Programmcodes zu suchen, zu überprüfen, gegebenenfalls manuell Programmteile auszubessern oder gleich den kompletten Code zu ersetzen, gestaltet sich langwierig und zeitaufwendig. Mit einem CMS wird gerade dieser Vorgang erheblich vereinfacht. Der Administrator kann bequem im CMS seine Extensions anzeigen lassen und diese mit wenigen Mausklicks auf den aktuellen Stand bringen.

CMS - ja oder nein?

Ob sich der Einsatz eines Content Management Systems lohnt, lässt sich nicht pauschal beantworten. Es gibt die verschiedensten Beweggründe, ein solches Produkt zu verwenden - sei es die Benutzerverwaltung, das übersichtliche und professionelle Administrations-Interface, die kinderleichte Einpflege von Content oder die einfache Wartung des Systems. Oft ist es auch einfach die Neugier, die einen dazu treibt, sich in die Materie zu vertiefen. Was man unbedingt berücksichtigen sollte, bevor man sich für die Verwendung eines CMS entscheidet: Je umfangreicher und komplexer das System ist, desto länger dauert es, sich einzuarbeiten, um danach effizient und zufrieden stellend damit umgehen zu können. Wer jedoch die dafür nötige Zeit investiert und nicht zu früh aufgibt, wird sicherlich nicht enttäuscht werden.

 

1) siehe hierzu Artikel Web-Publishing mit XML

2) siehe Artikel (B)logbuch des Captains, Sternzeit zweitausendundsechs ... in Comment 06/1,

3) Die GNU GPL ist eine von der Free Software Foundation (einer gemeinnützigen Organisation mit dem Zweck, freie Software zu fördern; siehe www.fsf.org) herausgegebene Lizenz mit Copyleft (einem Schutzverfahren, welches Weiterverbreitung und Modifikationen von Software erlaubt, sofern dies unter derselben Lizenz und damit denselben Bedingungen geschieht) für die Lizenzierung freier Software. Nähere Informationen dazu sind unter www.gnu.org/licenses/licenses.html#GPL zu finden.

4) Dies bezieht sich auf die oben genannten, leistungsfähigeren Content Management Systeme.