WIKI
Back to the Future

von Eva Birnbacher (Ausgabe 06/1, März 2006)

 

WIKI - wer oder was ist das? Stellt man diese Frage in den Raum, erntet man in der Regel ein Achselzucken oder die zögerliche Rückfrage, ob das was mit Wikipedia zu tun habe. Um es gleich vorweg zu nehmen - es hat tatsächlich mit Wikipedia zu tun, der freien Enzyklopädie, die in mehr als 100 Sprachen existiert. Wikipedia verwendet eine WikiEngine als Basis. Folgt man dem Link www.wikipedia.org und wählt als gewünschte Sprache Deutsch aus, so erhält man auf der Startseite neben der obligaten Kurzinfo einen Satz, der ganz grob das Wesen der Wiki-Technologie charakterisiert: "Jeder kann mit seinem Wissen beitragen und die Artikel direkt im Browser bearbeiten".

Und was ist jetzt so neu und besonders daran? Die Frage ist leicht zu beantworten - neu ist daran gar nichts, vor allem nicht die verwirklichte Zugriffsmöglichkeit für jedermann. Googelt man ein wenig durchs WWW und liest man in einschlägigen Werken nach, so stellt man fest, dass die Idee der direkten Bearbeitung von jedermann und jederfrau, jederorts und jederzeit ein Grundanliegen an das WorldWideWeb ist - und zwar seit dessen Geburtsstunde: Bereits Anfang der neunziger Jahre schlug Tim Berners-Lee seinem Arbeitgeber CERN ein Projekt vor, das auf dem Prinzip des Hypertext beruhte und den weltweiten Austausch sowie die Aktualisierung von Informationen zwischen Wissenschaftlern vereinfachen sollte - der Grundstein für das WWW, wie es heute existiert, wurde gelegt. Tim Berners-Lee war schon zu Beginn der Ansicht, dass ein Webbrowser eine Kombination aus Viewer und Editor sein sollte.

Die Entwicklung nahm aber einen anderen Verlauf. Webbrowser, wie wir sie heute einsetzen, dienen lediglich als Betrachtungsmedium, während es eine Vielzahl von Softwareprodukten gibt, die für die Erstellung, Wartung und Bearbeitung von Webseiten gedacht sind. Die Komplexität der einzelnen Programme erfordert in der Regel Spezialwissen, und so ist nicht nur die Layouterstellung, sondern auch die Verantwortlichkeit für den Inhalt immer weiter weg vom ursprünglichen Verfasser gerückt - was sich nicht immer als glückliche Lösung entpuppt: Fehlende Aktualität aufgrund mangelnder Ressourcen und zu wenig in die Tiefe gehende Information sind nur einige der Folgeerscheinungen. Auch zahllose lästige Tippfehler auf Webseiten möchte man schnell korrigieren - allein, man darf nicht.

Und mit einem WikiWeb wird man dieser Probleme Herr? Tauchen da nicht neue Probleme auf, wenn jedermann und jederfrau, jederorts, ...? Die nachfolgende Beschreibung der Funktionalität von WikiWebs soll einen Einblick in die Materie geben und als Entscheidungshilfe dienen, ob diese Art der Wissensaufbereitung und -vermittlung nicht vielleicht auch im eigenen (Arbeits-)Umfeld sinnvoll einsetzbar ist.

Wiki - was ist das?

Hinter der Bezeichnung Wiki verbirgt sich nicht - wie vielleicht angenommen - eine ellenlange Fachbezeichnung, sondern sie ist schlichtweg die hawaiianische Übersetzung des Wortes "schnell" (wenn man es ganz genau nimmt, müsste es allerdings wikiwiki heißen).

Die erste WikiEngine stammt von Ward Cunningham, einem amerikanischen Softwareentwickler, dessen Idee es war, die "simplest online database that could possibly work" zu programmieren. Verwirklicht hat er seine Idee im Jahr 1995, indem er in der Programmiersprache Perl ein Programm schrieb, das es ermöglichte, in einzelnen Dateien gespeicherte Textinhalte mit Hilfe von Formularen direkt im Browser zu bearbeiten und zu veröffentlichen, und das auch Dritten gestattete, diese Dateien zu ändern oder zu ergänzen.

Mittlerweile ist eine Vielzahl solcher WikiEngines verfügbar, in unterschiedlichen Programmiersprachen und mit unterschiedlichen Features: Neben der von Wikipedia verwendeten WikiEngine MediaWiki gibt es auch DocuWiki, TWiki, TikiWiki, MoinMoin, PhpWiki und andere mehr. Abgesehen von der wohl prominentesten Nutzung als Lexikon werden Wikis beispielsweise eingesetzt, um Projekte zu koordinieren und zu dokumentieren, um Anleitungen und Hilfestellung für Software zu bieten oder um die gemeinschaftliche Produktion wissenschaftlicher Werke zu erleichtern.

Wer sich erstmalig mit dem Thema beschäftigt, sei einerseits auf die Spielwiese von Wikipedia verwiesen, wo die Funktionalität eines WikiWeb ausgetestet werden kann, und andererseits auf die Seite WikiEngines, die eine Auflistung zahlreicher WikiEngines bietet, gegliedert nach der verwendeten Programmiersprache. Als sehr informativ und sehr hilfreich für die Entscheidungsfindung, welche WikiEngine für die jeweiligen Bedürfnisse am besten geeignet ist, erweist sich die WikiMatrix.

... und wie funktioniert ein WikiWeb?

Anhand des wohl prominentesten Vertreters der WikiWebs, der Wikipedia, werden nachfolgend die wichtigsten Bestandteile einer ausgereiften WikiEngine kurz erläutert. Um das Beschriebene nachzuvollziehen, kann man sich der bereits erwähnten Wikipedia-Spielwiese bedienen.

Die wichtigste Voraussetzung für das Funktionieren eines WikiWeb ist das verantwortungsbewusste Verhalten jedes einzelnen Benutzers, da die Seiten in der Regel von allen BenutzerInnen ohne spezielle Software-Erfordernisse und -Kenntnisse verändert, ergänzt oder auch gelöscht werden können. Nachdem es keine übergeordnete Qualitätskontrolle für verfasste Beiträge gibt, sind die BenutzerInnen gefordert, sich gegenseitig zu kontrollieren, miteinander zu diskutieren und im Bedarfsfall auch Inhalte zu korrigieren.

Neben dem Verhalten der BenutzerInnen spielen aber auch die technischen Voraussetzungen eine nicht unbedeutende Rolle. Die nachfolgenden Grundfunktionen sollte eine WikiEngine auf jeden Fall abdecken, damit ein funktionierendes WikiWeb aufgebaut werden kann:

  • Einfache Markups: Für das Editieren bzw. Formatieren von Texten sind keine HTML-Kenntnisse notwendig. Damit werden fehlerhafte Ergebnisse weitgehend hintan gehalten.

  • Linksetzung: Bei Eingabe von Bildnamen, Webadressen oder Seitennamen (bzw. auf Basis spezieller Kennzeichnungen) sorgt die WikiEngine für die automatische Verlinkung auf weitere Seiten innerhalb des WikiWeb.

  • Automatisierte Seitenerstellung: Das Anlegen von neuen Seiten im WikiWeb erfolgt ebenfalls automatisch, sobald ein Link zu einer Seite gesetzt wird, die als solche noch nicht existiert.

  • RecentChanges-Funktion: Wer hat wann welche Seite geändert? Eine chronologische Auflistung beantwortet diese Frage und ermöglicht in der Regel auch ein Zurücksetzen auf vorhergehende Versionen.

  • Differenz-Funktion: Optische Hervorhebungen zeigen dem Benutzer auf den ersten Blick, welche Bestandteile einer Seite korrigiert, gelöscht oder ergänzt wurden.

  • BackLink-Funktion: Diese bietet eine Auflistung aller Seiten, die auf die aktuelle Seite verweisen, um rasch auf damit in Verbindung stehenden Informationen zugreifen zu können.

  • Volltextsuche: Was tun, wenn man nicht mehr weiß, wo man etwas gelesen oder geschrieben hat? Die Volltextsuche hilft dabei, durch Eingabe eines Stichworts Texte wiederzufinden.

  • Seitenarchiv: Etwas versehentlich gelöscht? Kein Problem - da jeder Schritt aufgezeichnet wird, ist ein Zurücksetzen jederzeit möglich.

Die meisten WikiEngines bieten noch eine Vielzahl weiterer Features, die den Komfort und die Sicherheit verbessern, hier aber nicht detailliert zur Sprache kommen.

... und wie arbeitet man mit einem WikiWeb?

Bearbeitungsmodus und Textgestaltung

Was alle WikiWebs gemeinsam haben, ist die direkte Bearbeitungsmöglichkeit, sobald die Seite im Browserfenster erscheint. Mitunter kommt es vor, dass Seiten für die Bearbeitung gesperrt sind; dies betrifft meist Startseiten oder Seiten, die Anleitungen zur Bedienung des WikiWeb enthalten, wo eine Änderung nicht gewünscht ist. Manche WikiWebs ermöglichen auch Zugriffsbeschränkungen auf bestimmte Benutzerkreise, was mitunter von Vorteil sein kann, dem Grundsatz der freien Bearbeitung aber widerspricht.

Gibt es keine solche Einschränkungen, kann jeder Benutzer mittels Bearbeiten- oder Edit-Schaltfläche die gewünschten Änderungen durchführen, wobei es in der Regel keinen Unterschied macht, ob sich der Benutzer innerhalb des WikiWeb registriert hat oder nicht.

Klickt man die Bearbeiten-Schaltfläche an (siehe Abb. 1), so gelangt man zu einem Formular, in dem der Quelltext der gewählten Seite angezeigt wird. Hierbei handelt es sich in den seltensten Fällen um HTML-Code, sondern vielmehr um einen Wiki-spezifischen Code, der es dem Benutzer ermöglichen soll, ohne spezielle Vorkenntnisse rasch und einfach Änderungen durchzuführen. Jedes WikiWeb stellt dem Benutzer einige Formatierungsmöglichkeiten zur Verfügung, mit denen sich der erfasste Text auch optisch ansprechend gestalten lässt.

Abb. 1: Bearbeiten-Schaltfläche in Wikipedia

 

Beispielsweise ist im Wikipedia-Handbuch unter Wiki-Syntax nachzulesen, dass Überschriften durch je zwei Ist-Gleich-Zeichen am Anfang und am Ende zu kennzeichnen sind (== Überschrift ==) oder fett geschriebene Textstellen zwischen je drei Hochkommas eingeschlossen werden müssen ('''fett'''). Dieser Formatierungscode kann händisch eingetippt werden, ist aber auch über eine Symbolleiste mit Schaltflächen für z.B. Fett oder Kursiv verfügbar (siehe Abb. 2).

Abb. 2: Textformatierung in Wikipedia

 

Nach erfolgter Textbearbeitung und -gestaltung muss die Seite gespeichert werden. Damit man zuvor nochmals überprüfen kann, ob die vorgenommenen Änderungen auch wirklich so durchgeführt werden wie beabsichtigt, bieten viele WikiEngines eine Voransicht des Artikels. Ist diese Vorschau zufriedenstellend, steht dem Speichern - über eine eigene Schaltfläche - nichts mehr im Wege.

Interne Verlinkung

Die meisten WikiEngines sind in der Lage, Bildnamen, Webadressen und Seitentitel automatisch zu verlinken. Immer wieder stößt man dabei auf den Begriff CamelCase. Damit bezeichnet man die an Kamelhöcker erinnernde, gemischte Groß- und Kleinschreibung von Begriffen - z.B. PublicDomain oder WikiEngine. In dieser Form geschriebene Begriffe werden automatisch als "verlinkungswürdig" erkannt und führen den Benutzer bei Anklicken auf die jeweilige Seite zu diesem Thema. Da es aber in vielen Fällen nicht sinnvoll ist, alle verlinkungswürdigen Begriffe in CamelCase-Form zu schreiben, existieren in den meisten WikiWebs parallel dazu so genannte freie Links, die wiederum durch bestimmte Sonderzeichen (beispielsweise eckige Klammern) eigens zu markieren sind. Falls die entsprechende Seite zu einem Link innerhalb des WikiWeb noch nicht existiert, kann diese nach dem Speichern durch einen einfachen Mausklick auf den Link bzw. auf ein dahinter stehendes Fragezeichen kreiert werden.

BackLink-Funktion

In vielen WikiWebs ist der Titel jeder einzelnen Seite mit einem Suchbefehl verbunden, der alle Seiten auflistet, die einen Link auf die aktuelle Seite enthalten. Wikipedia verwendet einen eigenen Menüpunkt namens Links auf diese Seite, der eine Spezialseite mit einer Auflistung aller Seiten aufruft, die mit der aktuell gewählten Seite verknüpft sind. Die für die BackLink-Funktion benötigten Daten werden je nach WikiEngine entweder per Volltextsuche gesucht und gesammelt präsentiert oder aber in einer eigens dafür eingerichteten Datenbank gespeichert.

Was gibt es Neues?

Kein WikiWeb ohne RecentChanges-Liste: Hier sieht der Benutzer auf einen Blick, was sich in letzter Zeit getan hat. Neben wesentlichen Änderungen - z.B. neuen Beiträgen - werden auch kleinere Modifikationen wie die Korrektur von Rechtschreibfehlern oder Layout-Änderungen dokumentiert. Wikipedia zeigt zu sämtlichen Änderungen Datum, Uhrzeit und den Benutzernamen an (sofern es sich um angemeldete Benutzer handelt, ansonsten die IP-Adresse). Damit die Liste nicht überdimensional anwächst, wird die Anzahl der aufgelisteten Änderungen standardmäßig auf einen bestimmten Wert beschränkt, wobei der Benutzer in der Regel die Möglichkeit hat, die Anzahl nach Bedarf zu wählen bzw. anhand von Datumseingaben einzuschränken.

Ein zusätzliches Feature innerhalb der RecentChanges-Liste ist der Versionsvergleich, der genauestens darüber Auskunft gibt, wie ein Beitrag mit der Zeit "gewachsen" ist, und damit einen detaillierten Überblick über durchgeführte Änderungen ermöglicht (siehe Abb. 3). Mit Hilfe der Differenzfunktion wird hinzugefügter oder gelöschter Text je nach WikiEngine entweder farblich und/oder mit Hilfe der Symbole + und - hervorgehoben. Durch das Archivieren von Vorgängerversionen ist es auch sehr rasch und einfach möglich, ein Rollback durchzuführen (sprich eine alte Version wiederherzustellen) und damit mutwilliger Zerstörung Einhalt zu gebieten.

Abb. 3: Kennzeichnung von Änderungen im Versionsvergleich

 

Häufig haben angemeldete BenutzerInnen die Möglichkeit, ihre Korrekturen als "unbedeutend" zu kennzeichnen; solche Änderungen scheinen dann meist nicht in der RecentChanges-Liste auf. Daraus ergibt sich die Gefahr, dass umfangreiche Umarbeitungen eines Beitrags als unbedeutende Korrekturen tituliert und von niemandem bemerkt werden. Wenn Verwarnungen nicht helfen, kann solchem Missbrauch nur durch Deaktivieren dieses Features entgegengewirkt werden.

Last but not least bietet die RecentChanges-Liste den BenutzerInnen meist auch die Möglichkeit, über Änderungen zu diskutieren, damit Beiträge, die irrtümlich als nicht korrekt eingestuft werden, nicht voreilig überschrieben werden. Mittlerweile etabliert sich sogar eine Art Benutzerverwaltung: BenutzerInnen müssen sich mit ihren Daten anmelden, um Zugang zu bestimmten (meist internen) Bereichen zu erhalten.

Gesucht - Gefunden

Zu einem ausgereiften WikiWeb gehört auch eine ausgereifte und vor allem rasch zum Ziel führende Volltextsuche - auch wenn die Implementierung einer Volltextsuche nicht ganz unproblematisch ist, weil sie erhebliche Ressourcen benötigt. Bei einer solchen Volltextsuche wird entweder tatsächlich der Text aller Seiten gelesen und durchsucht, oder es wird ein Index aller Stichworte in einer Datenbank mitgeführt und bei jeder Seitenänderung aktualisiert.

... und die Probleme?

Mit zunehmendem Bekanntheitsgrad der WikiWebs steigt auch die Gefahr der mutwilligen Zerstörung solcher Systeme. Nachdem das Löschen einer Seite dank der Versionssicherung rasch und einfach wieder rückgängig gemacht werden kann, erfreut sich vor allem das Einschleusen fehlerhafter Aussagen zunehmender Beliebtheit. Wie fatal das für eine Enzyklopädie wie Wikipedia sein kann, ist wohl nicht schwer vorstellbar. Hier kann man nur auf die Qualitätssicherung durch andere "Wikianer" hoffen, die solche Fehler entdecken und korrigieren.

Ebenso ist Spamming innerhalb von WikiWebs ein Thema. Automatisiert übermittelte Beiträge überfordern durch ihre Masse zunehmend die redaktionellen Kapazitäten der Wiki-BenutzerInnen. Als Gegenmittel kommen hier allerdings nur technische Barrieren in Frage, z.B. die Anforderung einer Bestätigung (wie es teilweise im Mailing-Bereich gehandhabt wird) oder das Sperren bestimmter IP-Adressen.

... und wie sieht die Zukunft aus?

Mit der zunehmenden Verbreitung von WikiWebs wird auch deren Weiterentwicklung in verschiedene Richtungen forciert. Dies betrifft vor allem die etwas umständliche textbasierte Formatierung, die über kurz oder lang durch geeignete WYSIWYG-Editoren abgelöst werden wird. In diesem Zusammenhang ist zu hoffen, dass eine einheitliche Formatierungssyntax entwickelt wird, da die Datenmigration zwischen den einzelnen WikiEngines und der Import/Export von Daten derzeit nicht leicht zu bewerkstelligen sind. Ebenso wird auch der optischen Gestaltung zukünftig mehr Aufmerksamkeit gewidmet werden, was sich bei einigen WikiEngines bereits in Form von Template-Systemen ankündigt. Und nicht zuletzt wird eine Reihe weiterer WikiWebs als Informationsquelle auf uns zukommen - z.B. das Projekt Wiktionary, das seit seiner Gründung vor eineinhalb Jahren als frei verwendbares, mehrsprachiges Wörterbuch für den Wortschatz aller Sprachen zur Verfügung steht und bereits mehr als 15000 Einträge in deutscher Sprache aufweist.