"(B)logbuch des Captains,
Sternzeit zweitausendundsechs ..."

von Michaela Bociurko (Ausgabe 06/1, März 2006)

 

Das Thema "Weblogs" ist gegenwärtig in aller Munde. In einer Auswertung der am häufigsten verwendeten Begriffe in der deutschsprachigen Wirtschaftspresse während des vergangenen Jahres belegte der Begriff sogar den ersten Platz, deutlich vor (in dieser Branche sehr gebräuchlichen) Begriffen wie Risiko- oder Krisenmanagement.1) Sowohl Journalisten als auch Medienwissenschaftler und PR-Fachleute publizieren eifrig zu diesem Thema, analysieren, inwieweit Weblogs bisher gebräuchliche Medien beeinflussen, ergänzen oder "revolutionieren" werden (Stichwort grassroot journalism2)) beziehungsweise spekulieren über das Potential des neuen Medienformats als Marketing- und PR-Instrumentarium.

Doch: Ist das Phänomen unter Internet-Usern wirklich so bekannt, wie uns dies solche Berichte weismachen wollen? Eine Bestandsaufnahme im Bekanntenkreis bringt ähnliche Ergebnisse zutage wie diverse Umfragen für den deutschsprachigen Raum: Ungeachtet des medialen "Hypes" ist der Anteil jener, die selbst aktiv ein Weblog betreiben, eher gering (ca. 5%). Im Gegensatz zu jenen BenutzerInnen, denen das Phänomen gänzlich unbekannt ist (etwa 25%), kennt aber der weit größte Teil der User (70%) den Begriff und hat auch schon ein paar Mal Weblogs besucht. "Weblogs? - Ach ja, Tante Gudrun publiziert dort doch regelmäßig Varianten ihres berühmten Streuselkuchenrezepts und diskutiert diese online mit den Damen ihres Kaffeekränzchens!" Sie mögen sich nun zu Recht die Frage stellen: "Und was ist daran so spektakulär?" (Gut, Sie kennen auch nicht Tante Gudruns Kuchen ;-))

Nun, beispielsweise eignen sich Weblogs (kurz "Blogs" genannt) auch für zahlreiche Anwendungen in Wissenschaft und Lehre, wie etwa zur Dokumentation von wissenschaftlichen Projekten oder zur Visualisierung von Lernprozessen. Weblog ist eben nicht gleich Weblog. Zwar ist das technische Konstrukt (im Prinzip ein "abgespecktes" CMS3)) überall ähnlich, Blogs finden aber in den unterschiedlichsten Bereichen Anwendung. Das ist in etwa vergleichbar mit einem Buch: Zwar ist es relativ simpel, einem Buch-Unkundigen Struktur und Aufbau eines Buches zu erklären, doch ist eine solche Beschreibung (von zahlreichen mit Zeichen bedruckten und gebundenen Seiten) in der Aussage sehr begrenzt bezüglich der mannigfaltigen Möglichkeiten von Inhalt und Einsatzgebiet eines solchen (Lehrbuch, Bilderbuch, Malbuch, Belletristik, ...).

Wir wollen deshalb dem geneigten Leser im Folgenden einen kurzen Überblick darüber geben, worum es sich bei diesem neuen Medienformat handelt, anhand von einigen Beispielen darstellen, in welchen Bereichen es indes Anwendung findet - und natürlich wollen wir Ihnen zu guter Letzt auch nicht vorenthalten, wie Sie bei Interesse selbst ein Weblog einrichten können.

Grundlagen

Was bisweilen fehlt, ist eine allgemeingültige Definition des Begriffes "Weblog". Als problematisch erweist sich dabei das bereits angesprochene breite Anwendungsspektrum des neuen Medienformats, dessen Inhalte je nach Einsatzort und Funktion stark variieren. Einigkeit herrscht hingegen bezüglich der Etymologie des Begriffs. Die Bezeichnung stammt ursprünglich aus den USA, wo Weblogs bereits während der 90er Verbreitung fanden. Der Begriff setzt sich dabei aus dem auch bei uns längst gängigen Wort Web (Synonym für WWW) und dem englischen Begriff log (was soviel wie "Tagebuch" oder "Protokoll" bedeutet) zusammen.

Ähnlich wie Logbücher bereits seit Jahrhunderten in der Schifffahrt benutzt werden, um bedeutsame nautische Ereignisse chronologisch aufzuzeichnen, besteht ein Weblog aus chronologisch geordneten Einträgen, die im Web publiziert werden. Jedes Mal, wenn das Blog vom Autor - dem "Blogger" - aktualisiert wird (beispielsweise wenn dieser einen neuen Text oder Bilder hinzufügt), liegt ein so genannter neuer Eintrag (oder auch post) vor - wobei sich der aktuellste Eintrag stets zuoberst auf der Webseite befindet und erst mit einem neuen Eintrag in der Reihung nach unten wandert. Die älteren Einträge werden zumeist in einem Archiv - das in leistungsfähigeren Weblog-Systemen auch mit einer praktischen Suchfunktion ausgestattet ist - aufbewahrt. Zur verbesserten Übersichtlichkeit bieten die meisten Weblog-Systeme eine Möglichkeit, die Einträge mittels sogenannter Kategorien thematisch aufzuschlüsseln.

Nun lässt sich einwenden, dass das oben beschriebene Prinzip nicht besonders neuartig erscheint, ähnelt es doch bereits gängigen Medienformaten - wie beispielsweise herkömmlichen Nachrichtentickern. Ein Merkmal unterscheidet Weblogs allerdings von derartigen Systemen: Weblogs sind interaktiv. Für den Leser besteht in der Regel die Möglichkeit, die dort publizierten Einträge zu kommentieren, d.h. einen den Eintrag ergänzenden Beitrag zu verfassen. Üblicherweise werden diese Kommentare mit zusätzlichen Infos versehen wie beispielsweise dem Benutzernamen des Verfassers, Datum und Uhrzeit, wann er den Kommentar erstellt hat, und eventuell einem Link zu dessen Website beziehungsweise dessen eigenem Weblog. In einigen Weblog-Systemen können in weiterer Folge auch Kommentare kommentiert werden.

Ebenfalls bezeichnend für Weblogs ist deren in der Regel hohe Linkdichte. So sind Weblogs üblicherweise durch zahlreiche Verweise und Kommentare untereinander verbunden. Gefördert wird diese Verlinkung durch diverse Mechanismen wie etwa Pings oder Trackback. So kann beispielsweise mittels Senden eines so genannten Pings (= "Läuten, Klingeln") Weblog-Verzeichnissen im WWW mitgeteilt werden, dass ein Weblog aktualisiert wurde. Basierend auf diesen Informationen (also allen eingehenden Pings) werden dann auf diesen Webseiten entsprechende aktuelle Weblog-Listen zusammengestellt. Pings kommen zuweilen auch bei Trackback zum Einsatz, allerdings zu einem völlig anderen Zweck. Um den Nutzen von Trackback zu veranschaulichen, wollen wir ein praktisches Beispiel heranziehen: Anton liest einen Beitrag in Bertas Weblog. Er entschließt sich, in seinem Weblog selbst einen Beitrag zu dem Thema zu verfassen, und bezieht sich dabei auf den Beitrag von Berta. Üblicherweise wird das Blog, auf das verwiesen wird, verlinkt. Nutzt man die Trackback-Funktion, sendet das eigene Blog einen so genannten (Trackback-)Ping in Form eines HTTP POST-Requests an eine bestimmte URL des Ziel-Blogs. In dem anderen Blog werden diese Daten (sofern alles problemlos verläuft) gespeichert (z.B. in einer Datenbank) und anschließend in der Einzelansicht des jeweiligen Eintrags mit Verlinkung zum bezugnehmenden Blog angezeigt, d.h. zu Bertas Beitrag wurde nun auch ein Link auf Antons Beitrag hinzugefügt. Trackback ermöglicht demnach Bloggern festzustellen, ob auf ihren eigenen Eintrag in einem anderen Weblog Bezug genommen wurde. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass sowohl Anton als auch Berta ein System benutzen, das Trackback unterstützt.

Viele Weblogs enthalten auch so genannte Blogrolls, das sind Linklisten zu anderen Weblogs (oder auch zu Webseiten, Büchern oder anderen Medien). Es handelt sich hier meist um Empfehlungen des Bloggers, bei persönlichen Weblogs oft auch um Listen von Weblogs, die von Freunden betrieben werden (Friendslists). Der Umfang der beigepackten Features variiert stark, je nach in Einsatz befindlichem Weblog-System. So beinhalten einige Weblogs beispielsweise zusätzlich einen WYSIWYG-Editor, eine Fotogalerie oder einen Kalender.

Gefördert wird die rasche Verbreitung und der Austausch von Informationen aus Weblogs auch durch sogenannte RSS-Feeds. Sind diese im Blog aktiviert, erzeugt die Software automatisch zusätzlich eine maschinenlesbare Version der Einträge im XML-Format, die dann von diversen anderen Medien (z.B. von Newsreadern oder einigen eMail-Programmen) automatisch "aufgelesen" und angezeigt werden kann. Der große Vorteil für den Leser besteht darin, dass er die entsprechenden Webseiten nicht mehr direkt "ansurfen" muss. Sein Newsreader oder eMail-Klient holt von abonnierten Weblogs automatisch den aktualisierten Content ab, die Inhalte werden dem Leser konzentriert und übersichtlich in dieser Software dargestellt (für nähere Informationen zum Thema RSS siehe auch Artikel RSS Enterprise).

Anwendungsbereiche

1. Weblogs als "Online-Tagebücher": Das ganz Private öffentlich gemacht

Vermutlich handelt es sich hierbei um den zahlenmäßig am häufigsten anzutreffenden Typus im WWW, Tendenz steigend. Ähnlich wie vor etlichen Jahren der Trend aufkam, auf einer Personal Homepage persönliche Daten, Hobbies, Fotos u.Ä. zu deponieren und unzählige Privatpersonen entsprechende Webseiten kreierten, so nutzen heutzutage immer mehr User die Möglichkeit, via Weblogs ihre persönlichen Erlebnisse in Büro, Studium, Schule und Freizeit zu publizieren. Das Medium dient dabei zuvorderst der Selbstdarstellung und persönlichen Reflexion, die Inhalte spiegeln die persönlichen Interessen und Befindlichkeiten wieder (weshalb Weblogs oft auch als eine Art "virtuelles Tagebuch" bezeichnet werden).

Obwohl die Struktur und zuweilen auch die Inhalte an ein Tagebuch erinnern, kann der Begriff irreleiten. Anders als "klassische" Tagebücher, die in der Regel keinen Empfänger als den Sender selbst kennen, dienen Weblogs eben nicht ausschließlich der persönlichen Reflexion, sondern kommunizieren (mehr oder weniger bewusst) Botschaften an die Umwelt: Wie der Blogger sich der Welt darstellen will und wie sich ihm/ihr die Welt darstellt. Dabei finden sich nicht selten tiefe Einblicke in Privatleben, Einstellungen, politische Überzeugungen und Persönlichkeitsstruktur des Bloggers. Was aber bewegt den Autor, sich derart geistig zu "exhibitionieren"? Wie so oft lässt sich diese Frage wohl nicht monokausal beantworten, die Motivationen hierzu sind sicherlich vielfältig und komplex: Sei es nun einfach die Freude am Schreiben, am Sich-Mitteilen, der Wunsch nach Selbstdarstellung, Profilierung, Anerkennung oder "Schubladenflucht" - also Klischees abzulegen, die Wahrnehmung seiner Selbst in den Köpfen der Anderen zu formen, auszuweiten (oder einzugrenzen, je nachdem).

In vielen Fällen sind Weblogs oft auch nur ein weiteres Medium, um soziale Kontakte anzubahnen bzw. zu pflegen. Ähnlich wie sich beispielsweise bei Chats und Foren "Communities" entwickeln, können auch Weblogs als Kommunikationsplattformen für Gleichgesinnte dienen (z.B. um sich über ein gemeinsames Thema oder Hobby auszutauschen). Manche Autoren, die via Weblog kommunizieren, kennen sich auch persönlich (z.B. aus der Schule, dem Büro) - das Bloggen ersetzt dabei nicht die realen Kontakte, sondern ergänzt sie vielmehr. Dabei erlaubt das Medium eben jene Tiefe und Ausführlichkeit, denen sich gewöhnlicher Smalltalk oft entzieht. Die Informationen sind dabei jederzeit abrufbar und somit vom Sender autark. Vorteil für den Blogger: Der halbstündige Bericht von der Südamerikareise muss somit nicht jedem Kollegen einzeln vorgetragen werden, die Bilder können gleich "dazugepackt" werden. Der Vorteil für den Rezipienten: Er muss dem Bericht nicht am Gang zwischen zwei Meetings lauschen - er kann ihn auch am Abend gemütlich via Weblog nachlesen und kommentieren. Oder eben nicht. Ganz nach Belieben.

2. Weblogs als Medien der Expertenkommunikation

In Technikerkreisen werden Weblogs schon länger genutzt, um Expertise in einzelnen Fachbereichen auszutauschen. Der bloggende Experte kommentiert dabei via Blog die aktuellen Entwicklungen im jeweiligen Gebiet und diskutiert sie mit seinen Lesern. Durch die Einbindung von Links zu Quellen, Literatur, nützlichen Webseiten und Weblogs zu dem Thema stellt der Blogger, aufbauend auf persönliche Erfahrungen, Wissen und Erkenntnisstand, seinen Lesern ein Kompendium an vorselektierten Quellen zur Verfügung, die er für das Thema als nützlich erachtet. Inzwischen haben freilich auch andere Berufsgruppen das Weblog für diesen Zweck entdeckt - ein Beispiel wären hier die sogenannten Blawgs (eine Wortsynthese aus Blog und law), in denen Juristen aktuelle Urteile und Gesetzesentwürfe diskutieren.

Knowledge Blogs für das interne Wissensmanagement

In den USA sind Weblogs bereits fester Bestandteil der Forschungskommunikation. Der unkomplizierte Publikationsmechanismus ermöglicht es dabei, dass wissenschaftliche Forschungsergebnisse sehr rasch veröffentlicht und auch auf internationaler Ebene diskutiert werden können. Zu Recht wird hier allerdings von Kritikern angemerkt, dass eben dieses Charakteristikum auch häufiger die Publikation von "Unfertigem" bedinge, was in der Wissenschaft nicht immer erwünscht sei.

Dem lässt sich freilich entgegenhalten, dass die Dokumentation von Entwicklung und Diskurs, ja des Forschungsprozesses selbst, letztlich wiederum eine unschätzbare Wissensquelle darstellen kann. Dabei müssen sich Blogs nicht zwangsläufig an einen "globalen" Leserkreis wenden. So können interne Blogs (z.B. einer Forschungsgruppe) dazu benutzt werden, um Erfahrungen, Fortschritte, Fachartikel, Tipps etc. weiterzugeben oder um den Verlauf eines Forschungsprojekts sukzessive zu dokumentieren. Das Blog (in diesem Fall ein so genanntes Knowledge Blog) unterstützt dabei das persönliche Wissensmanagement.

Vorteile für die Anwendung in Wissenschaft und Lehre ergeben sich auch aus den spezifischen Eigenschaften des Medienformats: So betonen Didaktiker, dass die vielen kleinen Nachrichtenteile fokussierter und verständlicher wären als lange, ausschweifende Abstracts und deshalb stärker die Interaktion (Diskurs, Kritik etc.) fördern würden. Weiters lassen sich mittels Permalinks4) in Weblogs auch kleinere Textteile adressieren - und somit auch referenzieren (im Gegensatz zu Webseiten). Nützlich ist auch die Trackback-Funktion (siehe Grundlagen), mit der sich ein (potentiell weltweiter) virtueller Diskussionskontext herstellen lässt.

Anhand von Weblogs Lernprozesse visualisieren

Der bereits zuvor angesprochene prozessorientierte Charakter von Weblogs läßt sich auch im Bildungsbereich sinnträchtig verwerten. Der Bildungstechnologe Dr. Peter Baumgartner betont, dass es immer wichtiger werde, "Lernende zu befähigen ihren eigenen Lernprozess selbst zu steuern."5) Die chronologische Struktur von Weblog-Content und die subjektorientierte Publikationsform eignet sich besonders für ein kontinuierliches, selbstgesteuertes und sozial situiertes Lernen. So würden "Weblogs mit fortschreitender Dauer der Nutzung die individuelle persönliche Lernkarriere bzw. Erkenntnisgeschichten der jeweiligen WeblogautorInnen dokumentieren. Durch die chronologischen Aufzeichnungen und Diskussionen (Foren, Kommentar und Trackback-Funktion) kann der Prozess der Wissenskonstruktion der jeweiligen WeblogautorInnen verfolgt werden."6)

3. Weblogs als Erweiterung der (politischen) Öffentlichkeit

In den USA betreiben inzwischen zahlreiche etablierte Journalisten Weblogs, um Kommentare und Informationen ohne die redaktionellen Filter klassischer Massenmedien bereitzustellen. Insbesondere während des Irakkrieges gewannen Weblogs enorm an Bedeutung. Von vielen Lesern beziehungsweise Zuschauern wurde die Berichterstattung etablierter US-Medien als unkritisch und patriotisch gefärbt empfunden, weshalb man auf alternative Informationsquellen auswich. Dies spiegelt sich auch in Umfragen wieder, in denen die Mehrheit der Leser den Weblogs (gegenüber offiziellen Medien) "eine größere Ehrlichkeit in der Berichterstattung" einräumt.

Inzwischen haben auch Zeitungen und Nachrichtensender die zunehmende Bedeutung des neuen Medienformats erkannt. Auf BBC News sind die Reporters' logs bereits seit längerem fixer Bestandteil des Berichterstattungskonzepts. So berichtet zur Zeit beispielsweise der Reporter David Shukman täglich von seiner Forschungsreise in der Antarktis, ältere Weblogs dokumentierten etwa das Erdbeben in Pakistan oder die Terroranschläge in London. Im deutschsprachigen Raum hält sich die Anzahl der (offiziell) bloggenden Journalisten noch in überschaubaren Grenzen. Einige noch nicht etablierte, freiberufliche Journalisten sehen Weblogs auch als eine Möglichkeit der Selbstvermarktung und hoffen, Redakteure mit ihren Publikationen auf sich aufmerksam zu machen. Neben diesen bloggenden Professionisten gibt es natürlich auch das umgekehrte Phänomen: Laien, die sich im Rahmen ihrer Blogs als Journalisten betätigen. Massiven Zustrom verzeichneten insbesondere Weblogs, in denen Betroffene von Katastrophen berichteten (beispielsweise von den Terroranschlägen am 11. September 2001 oder von der Tsunami-Flutkatastrophe in Südostasien).

Parallel zu den Journalisten entdeckten auch politische Akteure das neue Medienformat für ihre Zwecke. Obgleich auch hier der anglo-amerikanische Raum eine klare Vorreiterrolle innehat, setzen sich Weblogs auch hierzulande immer häufiger als Instrument der politischen PR durch - wenn auch zuweilen mit einigen Einschränkungen: So hatte in Deutschland die SPD die Europawahl mit einem Weblog begleitet, das allerdings über keine Kommentarfunktion verfügte (vgl. www.spd-newslog.de). In Österreich wurde zu den Landtagswahlen 2005 in Wien, Steiermark und Burgenland ein kollaboratives Gruppen-Blog (zu finden unter www.wahlblog.at) betrieben. Das Blog sollte laut Initiatoren als offene, politisch ausgewogene Diskussionsplattform dienen, auf der Blogger aus verschiedenen politischen Lagern ihre persönliche politische Meinung kundtun und Geschehnisse während des Wahlkampfs subjektiv beurteilen konnten.

Eine Studie zum Thema "Weblogs als Mittel der Kommunikation zwischen Politik und Bürgern" fasst allerdings zusammen, dass das neue Medienformat viele Chancen, aber auch diverse Risiken in sich berge: So würden "Regeln aus der 'Blogwelt' kollidieren mit Erwartungen und Kommunikationsmustern aus der politischen Kommunikation, die sehr stark auf Kontrolle von öffentlichen Äußerungen setzt und wenig Spielraum für Interaktivität lässt"; der Autor räumt deshalb ein, dass es "gut möglich (sei), dass sich Politiker-Weblogs als eine Sonderform der Weblogs etablieren, die zwar eine etwas andere Form der Selbstpräsentation von Politikern, aber keine echte Diskussion/Partizipation ermöglichen."7)

4. Weblogs als Online-Marketingplattform von Unternehmen

Auch in der Geschäftswelt entdeckt man zunehmend das "neue" Medium für die kommerzielle Nutzung, z.B. als offizielles Unternehmensblog. Parallel dazu wächst auch die Riege der (mehr oder weniger selbsternannten) "Weblog-ExpertInnen", welche den Firmen beim Einsatz eines Weblogs beratend zur Seite stehen. Trotz der allzu optimistischen Prognosen einzelner Berater liegen noch kaum brauchbare Einschätzungen bezüglich Potential und Werbewirksamkeit von Weblogs vor. Dass diskursive Medien, in denen KundInnen (oder auch die Konkurrenz) die Möglichkeit haben, Kommentare abzugeben, auch einige Risiken für das jeweilige Unternehmen in sich bergen, liegt nahe. Auch hängt der mögliche Wirkgrad sicherlich in starkem Maße davon ab, inwieweit Medienformat und "Produkt" korrelieren.

Wagt man eine realistische Einschätzung, so wird wohl kaum eine Revolution in der Unternehmenskommunikation bevorstehen, sondern ist eher anzunehmen, dass sich Weblogs als eine zusätzliche Form etablieren, die die herkömmlichen Kommunikationsprozesse ergänzt. Als Beispiel sei hier jenes Marketinginstrumentarium erwähnt, das der Online-Buchhändler Amazon seinen US-Autoren zur Verfügung stellt. So können diese direkt beim Online-Buchhändler ein Autorenblog erstellen und auf ihre privaten Blogs verweisen. Die Schriftsteller erhalten mit Hilfe der Blogs die Möglichkeit, ihre Werke selbst online zu vermarkten. Ein neues Programm namens Amazon Connect soll dabei die Kommunikation zwischen Autoren und Lesern verbessern helfen.8)

Wie komme ich zu meinem persönlichen Weblog?

Wer nun nach dieser Abhandlung "auf den Geschmack gekommen" ist und selbst ein Weblog betreiben möchte, dem stehen dafür zwei Wege offen:

1. Weblog von einem Anbieter

Der unkomplizierteste Weg zu einem eigenen Blog ist der, sich einfach bei einem der zahlreichen Weblog-Anbieter im WWW (z.B. www.twoday.net oder www.blogg.de) kostenlos ein komplettes Weblog einzurichten. Die Bedienung des Weblogs erfolgt dann via Internet-Browser. Eine Liste von diversen Weblog-Anbietern finden Sie unter www.plasticthinking.org/wiki/WeblogAnbieter. Auch die Telekom Austria bietet zur Zeit aon-Kunden auf ihrer neuen Plattform Weblife werbefreie und kostenlose Blogs mit bis zu einem Gigabyte Webspace.

2. Weblog selbst installieren

Technisch sehr versierte BenutzerInnen können sich ein Weblog-System auch selbst installieren. Dafür benötigen Sie zunächst einmal Webspace auf einem Server, der die Anbindung an eine Datenbank über eine serverseitige Skriptsprache erlaubt. Weblog-Systeme basieren üblicherweise auf gängigen Skriptsprachen wie Perl oder PHP. Auf den Webservern des Zentralen Informatikdienstes wurde im Zuge der Umstellung der Mailbox- und Unet-Services eine Konfiguration mit PHP- und CGI-Unterstützung geschaffen. Seit Anfang des Jahres 2005 steht PHP somit auch für persönliche Homepages zur Verfügung. Achtung: Beachten Sie bitte, dass PHP hier im Multiuser-Betrieb und im Safe Mode läuft, weshalb es bei einigen Applikationen zu Problemen kommen könnte.9)

Wenn Sie sich auf die Suche nach einem geeigneten Weblog-System begeben, werden Sie bald feststellen, dass es ein breites Angebot an kostenloser Weblog-Software gibt. Einen guten Überblick vermittelt die Tabelle unter http://unblogbar.com/software/. Hier finden Sie eine Vergleichsliste der diversen Features/Funktionen von insgesamt 30 kostenlosen Weblog-Systemen. Unter Voraussetzungen können Sie eruieren, welche Skriptsprache (auch Version beachten) vom Server unterstützt werden muss.

Sind die notwendigen Voraussetzungen gegeben, können die Installationsdateien auf den Server übertragen werden. Bei den meisten Weblog-Systemen werden die erforderlichen Einstellungen mit Hilfe eines integrierten Setup-Programms vorgenommen. Es sei aber nochmals darauf hingewiesen, dass die Installation und die Einstellung der Skriptparameter entsprechende technische Kenntnisse voraussetzt. Wer über diese nicht verfügt, sollte lieber erstere Variante wählen.

Weblogs "zum Reinschnuppern"

  • Ein schönes Beispiel, wie sich Weblogs im Wissenschaftsbereich sinnvoll einsetzen lassen: www.quantumbiocommunication.com
  • "BildungsBlog" ist ein Community-Weblog, in dem jeder registrierte Benutzer Beiträge verfassen und Kommentare schreiben kann. Hier wird zu den Themen Bildung, Lernen, Pädagogik publiziert und diskutiert: http://bildung.twoday.net/
  • Auch die Bauingenieure der TU Dresden tauschen via Weblog ("BauBlog") News und Informationen zu ihrem Fachbereich aus: http://baublog.twoday.net/
  • Schokotiger finden unter http://myblog.de/fritziepfoten/1 einen Weblog, der sie garantiert genüsslich zum Schnurren bringt.
  • Vom Typus her eher ein Phlog (also ein Blog mit vielen Bildern): Liebliches für das Auge und Gemüt finden Sie unter http://cuteoverload.com/.

 

1) Quelle: Financial Times Deutschland vom 05.01.2006 (www.ftd.de/tm/me/37390.html)

2) bezeichnet die durch Weblogs initiierte Entstehung eines Journalismus "von unten herauf"

3) CMS = Content Management System

4) Permalinks (also permanente = dauerhafte Links) werden automatisch generiert. Ihr URL ändert sich nicht, auch wenn der Autor später die Struktur des Blogs verändert.

5) Dr. Peter Baumgartner, Eine neue Lernkultur entwickeln: Kompetenzbasierte Ausbildung mit Blogs und E-Portfolios. (http://bt-mac2.fernuni-hagen.de/peter/gems/eportfoliodeutsch.pdf)

6) ibid.

7) Christopher Coenen, Weblogs als Mittel der Kommunikation zwischen Politik und Bürgern - Neue Chancen für E-Demokratie? (www.soz.uni-frankfurt.de/K.G/B5_2005_Coenen.pdf)

8) Quelle: http://klauseck.typepad.com/prblogger/

9) siehe dazu auch den Artikel Gerda geht in Pension: PHP auf den Webservern des ZID in Comment 05/2