Webmail
Next Generation

von Thomas Wana (Ausgabe 06/1, März 2006)

 

Vor etwa fünf Jahren ging die erste Version eines universitätsweiten Webmail in Betrieb.1) Binnen kurzer Zeit entwickelte sich dieses Werkzeug zu einem sehr populären Dienst, war es doch so für alle Unet- und Mailbox-BenutzerInnen ganz einfach möglich, nur mit einem Webbrowser - ohne aufwendiges Installieren etwaiger Mailprogramme - von überall an die eigene eMail zu gelangen.

Allerdings machte der technische Fortschritt auch auf diesem Gebiet nicht halt, und so haben sich in den letzten fünf Jahren einige (kommerzielle und nicht-kommerzielle) Projekte rund um das Thema Webmail entwickelt, die im Komfort ausgewachsenen Mailprogrammen kaum noch nachstehen.

Es war also an der Zeit, über eine Aktualisierung unseres Webmail-Dienstes nachzudenken. Das bisherige Webmail der Uni Wien war aufgrund fehlender Alternativen noch eine Eigenentwicklung des ZID; seither sind aber gerade in der Open Source-Welt einige vielversprechende Webmail-Projekte entstanden. Nach einer sorgfältigen Auswahlphase haben wir uns entschlossen, die Open Source-Software SquirrelMail als Grundlage des neuen Webmail zu verwenden und entsprechend zu adaptieren.

Warum SquirrelMail?

Das wichtigste Auswahlkriterium bei der Suche nach einem neuen Webmail war Kompatibilität, um eine möglichst große Zahl verschiedener Webbrowser (insbesondere auch ältere) unterstützen zu können. SquirrelMail schien wie für uns geschaffen, da es auf den Einsatz von Java bzw. Javascript weitgehend verzichtet und daher sogar mit jenen Browsern uneingeschränkt verwendbar ist, bei denen diese Technologien nicht vorhanden oder deaktiviert sind. Das Design erfolgt mittels Cascading Style Sheets (CSS). Auch hier wurde auf komplexere Features verzichtet, weil diese von den verschiedenen Webbrowsern noch sehr unterschiedlich unterstützt werden. Alle zur Zeit verbreiteten Browser auf allen gängigen Betriebssystemen funktionieren problemlos mit SquirrelMail, insbesondere (getestet) MS-Internet Explorer, Mozilla/Firefox, Netscape, Opera, Konqueror, Safari, aber auch exotischere Browser wie Links, Lynx und w3m.

Eine weitere Anforderung war, dass das gewählte Projekt nicht eines Tages versandet und wichtige technologische Neuerungen nicht mehr umgesetzt werden. Auch hier kann SquirrelMail punkten, denn es ist weit verbreitet und eine große Anhängerschaft kümmert sich um den Fortbestand des Projekts. Nicht zuletzt ist SquirrelMail im Quellcode verfügbar, was umfassende Änderungen überhaupt erst ermöglicht und zudem eine gewisse Investitionssicherheit darstellt.

Von SquirrelMail zum neuen Webmail

Da nun die Wahl auf SquirrelMail gefallen war, galt es, die Software an die besonderen Anforderungen der Universität Wien anzupassen. So waren kleinere Tricks notwendig, um SquirrelMail mit unserem doch relativ komplexen Mailing-System zu "verheiraten" - z.B. muss das neue Webmail je nachdem, ob beim Login eine Unet- oder eine Mailbox-UserID angegeben wird, zu verschiedenen Mailservern verbinden. Weiters holt sich SquirrelMail die benötigten Informationen über den jeweiligen Benutzer (z.B. Namen und eMail-Adressen) bereits aus dem LDAP-Service, das demnächst universitätsweit angeboten werden soll.2)

Mehrsprachigkeit

Besonderes Augenmerk wurde auf die Unterstützung mehrerer Sprachen gelegt. BenutzerInnen, deren Muttersprache nicht Deutsch ist, können die Oberfläche von Webmail auch auf Englisch darstellen lassen (hier wurde primär Übersetzungsarbeit geleistet; die entsprechende Einstellung ist unter Optionen zu finden). Sollte der Bedarf entstehen, kann Webmail zudem problemlos um andere Sprachen erweitert werden.

Ein besonderes technisches Highlight (und teilweise eine weitere Eigenentwicklung gegenüber dem Standard-SquirrelMail) ist die Verwendung der Zeichenkodierung UTF-8, einer Variante der bekannten Unicode-Zeichenkodierung.3) Dank UTF-8 kann man mit dem neuen Webmail eMail-Nachrichten in allen erdenklichen Sprachen dieser Welt verfassen und empfangen. Alle modernen Webbrowser unterstützen diese Kodierung, durch die es beispielsweise möglich wird, in einer eMail deutsche, kyrillische, griechische und Hindi-Zeichen zu mischen (siehe Abb. 1).

Abb. 1: Verschiedene Zeichensätze in einer eMail-Nachricht

 

Neben diesen Modifikationen wurden noch einige kleine Fehler in SquirrelMail gefunden und beseitigt. Im besten Sinne des Open Source-Gedankens werden unsere Verbesserungen, je nach Relevanz, an das SquirrelMail-Projekt zurückfließen.

Was ist neu?

Das neue Webmail, das im Jänner 2006 nach einer mehrwöchigen Testphase in den Echtbetrieb ging, weist eine Vielzahl von Verbesserungen gegenüber der alten Version auf - sowohl in technischer als auch in ergonomischer Hinsicht. Die grundlegende Bedienung lehnt sich stark an die herkömmlicher Mailprogramme an, daher sollen hier nur einige Highlights herausgestrichen werden:

  • Auch Unet-BenutzerInnen kommen nun - wie zuvor schon Uni-MitarbeiterInnen mit Mailbox-Account - in den Genuss von IMAP-Ordnern. Wie von den meisten Mailprogrammen gewohnt, sind diese über eine Baumansicht auf der linken Seite des Fensters erreichbar. Versandte Mails werden jetzt im Ordner Sent abgelegt und nicht mehr als Kopie direkt in der Inbox.

  • Nachrichten in der Listenansicht können durch Klick auf den jeweiligen Sortier-Button neben dem Spaltennamen (siehe Abb. 2) sortiert werden, z.B. nach Datum oder Absender. Die Anordnung der Spalten kann in den Optionen verändert werden. (Hinweis: Sollten Sie die Sortier-Buttons nicht vorfinden, befindet sich Ihr Postfach noch auf einem älteren Server und wird im Laufe der nächsten Monate umgestellt.)


Abb. 2: Sortier-Button neben dem Spaltennamen

 

Zwecks Übersichtlichkeit können Nachrichten nach selbst erstellten Regeln farblich hervorgehoben werden. Möchte man beispielsweise, dass alle eMails von einem bestimmten Absender farbig hinterlegt werden, lässt sich eine entsprechende Regel über Optionen - Hervorhebung von Nachrichten definieren. Abb. 3 zeigt das Anlegen, Abb. 4 das Ergebnis dieser Hervorhebung.

Abb. 3: Optionen - Hervorhebung von Nachrichten
Abb. 4: Das Ergebnis der Hervorhebung:
  • Ein oft geäußerter Wunsch war auch, mehr als ein Attachment pro Nachricht versenden zu können. Dies ist jetzt möglich. Als Maximalgröße pro Datei sind 8 MB konfiguriert. Größere Dateien per eMail zu versenden, ist generell problematisch - speichern Sie diese bitte im <>html-Verzeichnis Ihres Homedirectory (siehe Persönliche Webseiten) und versenden Sie nur den URL, unter dem die Dateien abrufbar sind (z.B. <>www.unet.univie.ac.at/~a1234567/entwurf-diplomarbeit.doc).

  • Ein weiteres wichtiges Feature, um der immer größer werdenden Mailflut Herr zu werden, ist eine ausgereifte Suchfunktion. Auch diese steht jetzt zur Verfügung. Suchanfragen können zudem für die spätere Verwendung gespeichert und jederzeit wieder abgerufen werden.

Webmail und "POP-User"

Das neue Webmail ist ein vollwertiger IMAP-Klient, kommuniziert also via IMAP-Protokoll mit dem jeweiligen Postfach am Mailserver. Einige wenige BenutzerInnen, die noch das veraltete POP3-Protokoll einsetzen, können deshalb das neue Webmail nicht verwenden.

Es besteht jedoch die Möglichkeit, diese Postfächer auf IMAP umzustellen; wenden Sie sich dazu bitte an den Helpdesk. Mehr Informationen zu diesem Thema finden Sie auf den Webseiten des Zentralen Informatikdienstes unter IMAP.

Ausblick

In den nächsten Wochen und Monaten soll das neue Webmail um zusätzliche Features erweitert werden:

  • Adressbuch: Unter dem Menüpunkt Adressen im Webmail, der zur Zeit nur ein Platzhalter ist, wird in Kürze die Möglichkeit geboten, persönliche Adressbücher zu verwalten.

  • Sieve-Schnittstelle: Mittels Sieve (einer "Programmiersprache", die speziell für das Filtern von eMail-Nachrichten konzipiert wurde) lassen sich Abläufe erstellen, welche beispielsweise Nachrichten je nach Absender automatisch in unterschiedliche Ordner einsortieren. Solche Abläufe werden auch über Webmail verwaltet werden können.

  • Up- und Download von Attachments in das bzw. aus dem Homedirectory: Attachments sollen ohne Umwege direkt in das eigene Homedirectory auf dem Unet- bzw. Mailbox-Fileserver gespeichert bzw. von dort ausgewählt werden können.

Webmail: Facts & Figures

Zum Abschluss noch einige interessante Kennzahlen zum neuen Webmail der Uni Wien (Stand Anfang März 2006):

  • BenutzerInnen, die das neue Webmail verwenden: ~25 000
  • Webmail-Sessions pro Tag: ~10 000
  • Datenvolumen pro Tag: ~2,5 GB
  • HTTP-Hits pro Tag: ~400 000

Viel Spaß mit dem neuen Webmail!

 

 

1) siehe Artikel hotmail@univie.ac.at in Comment 01/1

2) LDAP (Lightweight Directory Access Protocol) ist ein Netzwerkprotokoll, das zur Abfrage von hierarchischen Verzeichnisdiensten entwickelt wurde (die im Falle der Uni Wien z.B. Kontaktdaten von Uni-MitarbeiterInnen und Studierenden beinhalten), aber sehr häufig auch für Authentifizierungszwecke eingesetzt wird. Das im Aufbau befindliche universitätsweite LDAP-Service soll z.B. eine Authentifizierung mittels Unet- bzw. Mailbox-UserIDs auch für Online-Services von Instituten ermöglichen.

3) siehe Artikel Unicode - Kiss Your ASCII Goodbye? in Comment 04/3