Ein Hausherr ist gestorben
Das überraschende Ende von Ebone

von Peter Rastl (Ausgabe 02/2, Oktober 2002)

 

Daß selbst Popularität und Größe nicht vor dem Untergang schützen, ist eine alte Volksweisheit ("Es sind auch schon Hausherren gestorben"). Dennoch kam Ende Mai 2002 die Insolvenz von KPNQwest, einem der größten europäischen Internet-Provider, für die meisten völlig unerwartet. KPNQwest hatte erst wenige Wochen zuvor Ebone, das führende europäische Backbone-Netzwerk, von GTS erworben und damit in den gemeinsamen Tod gerissen. Der ZID der Universität Wien hat als Betreiber von ACOnet, dem österreichischen Wissenschaftsnetz, seit jeher seine internationalen Internet-Verbindungen über Ebone abgewickelt und war von dieser überraschenden Entwicklung massiv betroffen. Es ist daher wohl angebracht, hier einen kurzen Bericht über die dramatischen Ereignisse und ihre Vorgeschichte zu geben.

Ebone wurde im Jahr 1991 als Kooperation mehrerer europäischer Wissenschaftsnetze - darunter auch ACOnet - mit dem Ziel gegründet, die europäischen Internet-Verbindungen effizienter zu betreiben. Der österreichische Ebone-Knoten, der Ende 1993 an der Uni Wien errichtet wurde, hatte beträchtlichen Einfluß auf die weitere Entwicklung des Internet in unserer Region (siehe Es begann an der Uni Wien: 10 Jahre Internet in Österreich im Comment 00/2). Mit dem Wachstum des Internet wuchs auch Ebone und wurde zum führenden Internet-Backbone in Europa: Aus der Kooperation im akademischen Bereich wurde eine erfolgreiche Aktiengesellschaft (Ebone Inc.) mit Sitz in Kopenhagen, die im Eigentum eines von ihren Kunden gegründeten Vereins (Ebone Holding Association) stand. Ich hatte selbst einigen Anteil an dieser Entwicklung, da ich seit den Anfängen dem Ebone-Vorstand angehörte und 1997 zum Vorstandsvorsitzenden gewählt wurde. Um ausreichendes Investitionskapital für den erforderlichen Ausbau des Ebone-Backbones aufzubringen und gegenüber anderen Telekom-Unternehmen konkurrenzfähig zu bleiben, suchte Ebone die Partnerschaft mit Hermes Europe Railtel, einem Unternehmen, das über ein leistungsfähiges europäisches Kabelnetz verfügte. Hermes erwarb zunächst einen Mehrheitsanteil an der Ebone Inc. und kaufte im Mai 1999 schließlich auch die verbleibenden Anteile der Ebone Holding Association, welche danach ihre Auflösung beschloß und ihr Vermögen auf die Mitglieder verteilte. Die amerikanische GTS (Global TeleSystems Group Inc.) wurde zum alleinigen Eigentümer der Hermes Europe Railtel und führte, zum Teil mit dem ursprünglichen Technikerteam, den Betrieb von Ebone in professioneller Weise weiter.

EUnet International wurde bereits 1982 gegründet und hat mit seinen nationalen EUnet-Partnern Anfang der neunziger Jahre als erster kommerzieller Internet-Provider einen wesentlichen Beitrag zur Verbreitung des Internet in Europa geleistet. Im Jahre 1998 wurde EUnet mitsamt seinen 14 Landesgesellschaften von der amerikanischen Qwest Communications übernommen, die daraufhin in einer Partnerschaft mit KPN (der niederländischen Telekom) diese Services in ein gemeinsames Tochterunternehmen namens KPNQwest einbrachte. KPNQwest errang - nicht zuletzt durch diverse Übernahmen - als Internet-Provider im Unternehmensbereich einen beträchtlichen Marktanteil in Europa und bekundete im Oktober 2001 seine Absicht, auch Ebone zu erwerben. Diese Übernahme wurde am 18. März 2002 vollzogen und die Integration von Ebone in das Backbone-Netz von KPNQwest in Angriff genommen. Da überraschte wie ein Blitz aus heiterem Himmel am 23. Mai 2002 eine Pressemeldung die Öffentlichkeit: Der Aufsichtsrat von KPNQwest sei wegen unerwartet hoher Verluste zurückgetreten und das Unternehmen habe Gläubigerschutz nach dem niederländischen Konkursrecht beantragt. KPNQwest fand allerdings weder bei seinen beiden Konzernmüttern noch bei den Banken Unterstützung, mußte Insolvenz anmelden und kündigte an, mit Ende Mai 2002 in der Brüsseler Netzwerkzentrale das IP-Netzwerk abzuschalten.

Nicht nur für ACOnet war plötzlich die internationale Internet-Anbindung in Frage gestellt, auch viele große europäische Unternehmen, darunter selbst die Gläubigerbanken von KPNQwest, mußten nun um ihren Internet-Anschluß fürchten. Aus diesem Grund blieb das Netzwerk nach Ende Mai 2002 vorerst doch noch in Betrieb und bot den Kunden von KPNQwest eine kurze Chance, nach Alternativen zu suchen. Am 6. Juni 2002 erreichte uns eine Nachricht aus der Ebone-Netzwerkzentrale: Die 40 Mitarbeiter seien soeben von der Firmenleitung aufgefordert worden, das Ebone-Netzwerk abzuschalten und das Gebäude zu verlassen. In ihrer Verantwortung gegenüber den Ebone-Kunden hätten sie dies jedoch abgelehnt und seien bereit, vorerst auch ohne Bezahlung weiterzuarbeiten, um Ebone möglichst lange in Betrieb zu halten, bis vielleicht doch noch ein neuer Geldgeber gefunden werden könne. Trotz mancher Hoffnungen, Rettungsversuche, ultimativer Drohungen und wirkungslos verstrichener Fristen wurde Ebone jedoch am 2. Juli 2002 um 11:00 Uhr endgültig eingestellt.

Die ACOnet-Benutzer merkten glücklicherweise von alledem nichts: Durch entsprechende Maßnahmen konnten wir unsere weltweiten Internet-Verbindungen ständig in Betrieb halten. Während wir für den Notfall eine Backup-Verbindung über das Géant-Netzwerk zur Verfügung hatten, beauftragten wir nach einer kurzen Angebotseinholung am 5. Juni 2002 den amerikanischen Netzbetreiber Sprint International mit der Herstellung einer STM4-Internetverbindung (620 Mbit/s) zur Universität Wien. Im Zusammenwirken mit der Telekom Austria, die in der Rekordzeit von weniger als einer Woche eine Datenleitung von Wien nach Frankfurt durchschaltete, errichtete Sprint die neue Internet-Anbindung für ACOnet. Am 18. Juni 2002 waren die letzten Tests erfolgreich abgeschlossen und die neue Verbindung übernahm die Aufgaben, die zuvor Ebone ein Jahrzehnt lang wahrgenommen hatte. Die Krise war vorüber, wir konnten wieder aufatmen.

Postskriptum: Am 15. Juli 2002 wurde die Presse informiert, daß die Firma Interoute, ein junges Telekommunikationsunternehmen im Besitz der Sandoz Stiftung, die Überreste von Ebone aus der Konkursmasse der KPNQwest erworben hat. Wächst hier vielleicht ein neuer Hausherr heran?