Was gibt es Neues?
LinuxWorld Expo (1. - 4. Februar 2000, New York)

von Robert Brunnthaler (Ausgabe 00/1, März 2000)

 

Vor einem Jahr hatte die Linux-Gemeinschaft ihr großes Linux goes Business-Coming Out in San Jose. Diesmal traf man sich im Jacob Javits Center in New York City unter dem Motto The Revolution takes Place - ein guter Grund für einen einwöchigen Urlaub im Big Apple. In der Zwischenzeit ist am Linux-Sektor viel Geld geflossen, sowohl von den "Big Boys" der Computerbranche in Linux-Projekte und -Firmen als auch durch sensationelle Einstiege einiger Linux-Firmen ins Börsengeschehen (die 700% plus am ersten Tag der Börsennotierung der Firma VA Linux an der Wall Street waren sogar Thema der Zeit im Bild).

Ein Höhepunkt der LinuxWorld Expo 2000 war sicher die Key Note von Linus Torwalds. Er betonte, daß er eigentlich Programmierer und kein Sprecher sei, behandelte dann aber doch ausführlich und pointiert die beiden Themen, auf die er sehr häufig angesprochen wird: Die Fragmentierung und die Kommerzialisierung von Linux.

Der Fragmentierung (Zersplitterung) kann er sehr viele positive Seiten abgewinnen: Man habe aus der Geschichte von Unix gelernt und werde nicht in diese - für ihn falsche - Richtung laufen. Der Schlüssel dazu heißt für ihn Modularisierung, um die Möglichkeit zu haben, Linux auf allen Plattformen (vom Supercomputer bis zum Kühlschrank) einsetzen zu können.

Auch über die Kommerzialisierung verlor er kein schlechtes Wort. Er sieht keinen Widerspruch zwischen dem nichtkommerziellen Geist, der in der Linux-Gemeinde vorherrscht, und kommerziellen Interessen von Firmen. Linux sei für ihn am Anfang ein schlechtes Produkt gewesen - gute Technologie zwar, aber nichts, was sich zum Verkauf geeignet hätte. Er wies auf den Interessenskonflikt zwischen Programmierern, die nur daran arbeiten, daß etwas prinzipiell funktioniert, und den Endverbrauchern hin, die diverse Neuerungen auch auf einfache Weise installieren wollen. Die Rolle des Vermittlers zwischen diesen Interessensgruppen übernehmen vermehrt Firmen (Distributoren und Systemhäuser); daß diese damit viel Geld verdienen, ist für ihn kein Problem.

Das Erscheinen des neuen Kernel 2.4 stellte er für diesen Sommer in Aussicht. Die großen Änderungen mit diesem Kernel-Update werden die Unterstützung für USB, Firewire und bis zu acht Prozessoren sowie besserer Support für 3D-Hardware sein. Zur Entwicklung eines Journaling Filesystem für Linux, mit dem eine erhöhte Datensicherheit bei Systemabstürzen erreicht werden soll, meinte Torwalds, daß es bereits zwei knapp vor der Vollendung stehende Lösungen gäbe: ReiserFS und die Weiterentwicklung des bisherigen Standarddateisystems ext2, ext3. Außerdem arbeiteten IBM und SGI an eigenen Systemen; die nächste Zeit werde in dieser Frage also spannend werden. Ende dieses Jahres werde man dann aus den verschiedenen Systemen auswählen können - letztendlich werde somit der Markt entscheiden, welches das Standard-Journaling Filesystem für Linux werden wird.

Die weiteren Key Notes waren nicht besonders interessant. Der Sprecher von IBM erneuerte das schon vor der Konferenz gegebene Versprechen, Linux auf allen IBM-Server-Systemen anzubieten, und kündigte die Portierung einiger Software für Linux (z.B. ViaVoice, die Spracherkennungssoftware von IBM) und die Entwicklung von Thin-Client-Computern auf Linux-Basis an. Ansonsten wurde immer wieder darauf hingewiesen, wie schön die OpenSource-Welt sei, wie gut sich in dieser Umgebung entwickeln ließe und daß die Zukunft OpenSource gehöre - Tatsachen, die dem Großteil der Konferenzteilnehmer sicher schon vorher bewußt waren.

Viele Entwickler und Firmen nahmen diese Konferenz zum Anlaß, Neuentwicklungen und Strategieentscheidungen einer großen Öffentlichkeit vorzustellen. Die spektakulärste Präsentation war jene des Trillian-Projekts (ein Konsortium aus verschiedenen Linux-Firmen, IBM, HP, SGI, Intel und dem CERN; siehe http://www.linuxia64.org/): die erste Beta-Version des Linux-Ports für den noch nicht im Handel erhältlichen 64bit-Prozessor "Merced" von Intel. Damit wurde zum ersten Mal OpenSource-Software für eine noch nicht in Produktion befindliche Hardware veröffentlicht.

Insgesamt hatte ich den Eindruck, daß sich die LinuxWorld Expo diesmal an ein wesentlich breiteres Publikum wandte als 1999 in San Jose. Für mich als österreichischen Teilnehmer gab es noch einen großen Unterschied zur Expo in San Jose: Ich mußte in Gesprächen nicht auf spektakuläre Lawinenabgänge hinweisen, um zu erklären, daß ich nicht aus Australia, sondern aus Austria komme. Auch ohne White Death kennt man uns. Wir sind wieder wer. Leider.